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Wuppertal ruft nach "Kunst, Kunst, Kunst"

25.11.2009 | 09:10 Uhr

Wuppertal. Am Ende der "Odyssee" ruft Wuppertal nach „Kunst, Kunst, Kunst!” im bedrohten Schauspielhaus. Ein Zeichen gegen den drohenden Kultur-Kahlschlag in der hochverschuldeten Stadt einerseits, aber auch Begeisterung über die frisch und frech inszenierte Mythologie-Comedy.

„Kunst, Kunst, Kunst!” skandieren am Ende der „Odyssee” nicht nur die Schauspieler. Beim Schlussapplaus der Uraufführung eines Stücks über die Irrfahrten des Königs von Ithaka eilen im Halbdunkel sämtliche Mitarbeiter der Wuppertaler Bühnen auf die Bretter und stimmen ein in den Ruf nach Kunst. Mit dieser Geste machen sie ihrem Ärger Luft – über die von Stadtvätern erwogene Schließung der Sparte Schauspiel. Das Publikum solidarisiert sich mit anhaltendem Applaus.

Begeiststerung über frech inszenierte Mythologie-Comedy

Diese heiter süffisante Familien-„Odyssee” beweist eindrucksvoll, dass Christian von Treskow als Regisseur und Intendant in Wuppertal zu neuen Ufern aufbricht.

Das war nicht nur Protest gegen den drohenden Kultur-Kahlschlag in der hochverschuldeten Stadt, sondern auch Zustimmung und Begeisterung über die frisch und frech inszenierte Mythologie-Comedy aus der Feder von Marc Pommerening. Für altväterlich-altphilologische Schwere hat der 39-jährige Autor wenig übrig und erzählt das antike Thema der „Ilias”, die Irrfahrten des Odysseus, aus der Perspektive von dessen Sohn Telemach.

Die Sagen-Figuren werden karikiert und parodiert, verwenden moderne Sprache und flapsige Comic-Sprüche, inklusive Exkurse in jugendliche Kraftmeierei. Sie üben sich aber auch in hehrem Homer-Duktus. Eine verwegene Mischung. Doch immer wenn das Spektakel in die Albernheiten einer Familien-Seifenoper abzugleiten droht, heben es die Mimen durch ernste Dialoge in antike Höhen empor. Und entlarven das Leiden des jungen Telemach, der vaterlos mit einer wankelmütigen und trunksüchtigen Mutter groß und zum Rebellen wird. Überspitzung, stets mit zwinkerndem Auge.

Aggressiv und trotzig stampft und schreit der halbwüchsige Telemach (wandlungsfähig und temperamentvoll: Daniel Breitfelder) in seinem Kinderzimmer. Stubenarrest, aufoktroyiert von den Freiern seiner Mutter Penelope (mal Hure, mal Herrscherin: Sophie Basse), quittiert der verwöhnte Knabe mit schnaubender Wut und Mordgedanken. An den Kragen gehen soll es den aufgeplusterten Männern, die sich durch Heirat mit seiner Mama das Reich Ithaka unter den Nagel reißen wollen. Regisseur Christian von Treskow zeigt sie als Rad schlagende Pfauen, aufgeblasene Gockel, röhrende Hirsche und Stiere. Penelope verbarrikadiert sich, hockt auf dem Sofa und strickt, Hand und Mund immer an der Schnapsflasche.

Heiter süffisante Familien-„Odyssee”

Der Sohn hat die Nase voll, packt seinen Rucksack und macht sich auf die Suche nach Papa. Mit Komik und Ironie, angereichert mit allerlei Schnulzen in haarsträubenden Knittelversen auf Odyssee („Oh die See”), durchläuft der zornige Telemach seine Irrfahrten, begegnet Sirenen, die im Gewand von glitzernden Nachtclubgirls heulen, dem Zyklopen und der Blondine Circe.

Diese heiter süffisante Familien-„Odyssee” beweist eindrucksvoll, dass Christian von Treskow als Regisseur und Intendant in Wuppertal zu neuen Ufern aufbricht. Ausgerechnet in diesen Wochen, in denen auch Stadtväter sich in blinder Sparwut auf eine Irrfahrt begeben.

Termine: 5., 13., 17., 18., 23., 25., 30. Dezember. Karten: 0202 / 569 4444

Michael-Georg Müller

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