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Wo die Kanonen blüh'n

08.10.2007 | 00:25 Uhr

Bundestagspräsident Norbert Lammert und Triennale-Intendant Jürgen Flimm lasen in der Duisburger Gebläsehalle Texte über Krieg und Frieden, von Schillers "Geschichte des Dreißigjährigen Krieges" bis zu Kästner und Claudius

Duisburg. Was bewegt den Bundestagspräsidenten, Texte von Krieg und Frieden vorzutragen? Norbert Lammert ist ein Mann der CDU doch wohl mit dem intellektuellen Teil seiner Seele. Dass er Emotionen öffentlich macht, ist bemerkenswert; auch vor dem Hintergrund, dass Teile seiner Partei sich hinter Bushs Irakkrieg stellten. Ihm liege daran, Gewalt zum Thema zu machen und die Neigung, sie bei der Lösung von Problemen einzusetzen, sagte er kürzlich über das Triennale-Projekt. Das geht über Parteigrenzen weit hinaus. Am Sonntagabend stehen Norbert Lammert und Jürgen Flimm im Bühnenbild der "Courasche", einem Stück, das den 30-jährigen Krieg reflektiert, und lesen Kleist, Blücher, Tolstoi. Zum Beginn sagt Flimm nur einen Satz: "Wir Bürger der Europäischen Union sind zu unserem Glück vereint." Das ist die Klammer, die den Abend hält.

Zwischen den Texten nichts als kurzes Innehalten. Das ist klug, denn was sie vortragen, ist von reißender Kraft. Auf Gryphius folgt Grass, auf Wolfgang Borcherts lakonische Geschichte von der Schülerin, die zehnmal schreiben muss: "Im Krieg sind alle Väter Soldaten" folgt Helmuth von Moltkes Manifest des Kreisauer Kreises. Das gerät ein bisschen theoretisch und ist wohl auch dem hohen Amt des Vortragenden geschuldet. Der überlässt denn auch Matthias Claudius' "Kriegslied", die Fanfare der Friedenbewegung, seinem Mitakteur: "'s ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre, und rede du darein!"

Man darf unterstellen, dass Lammert die schönen, hochmoralischen Worte schätzt, aber natürlich ist er zu sehr Staatsmann, um sie zu zitieren. Und so ergibt sich die durchaus schelmische Situation, dass der Theatermann die flammenden Claudiusworte spricht und der Politiker kühl mit Kant kontert: "Der Friedenszustand unter Menschen, die nebeneinander leben, ist kein Naturstand, der vielmehr ein Zustand des Krieges ist, d. i. wenngleich nicht immer ein Ausbruch der Feindseligkeiten, doch immerwährende Bedrohung mit denselben . . ."

Nein, es bleibt nicht bei der Theorie. Später liest er Kästner: "Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn? Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen." Und schließlich: "Im Westen nichts Neues". Das ist unter vielen bewegenden Texten der bewegendste. Kotzende Soldaten und Gesichter, die zu Brei geschlagen werden; "käme dein Vater mit denen drüben, du würdest nicht zögern, die Granate gegen seine Brust zu werfen. Wir sind gefühllose Tote."

Am Ende steht ein Text von Andrzej Szczypiorski, über die Vergangenheit, die man nicht bewältigen kann, weil sie in jedem existiert, und über die Geschichte, von wir nur Teile erfahren. "Wir wissen nicht, was in den Gaskammern geschah, weil keiner zurückkam und die Verbrechen nicht die ganze Wahrheit sagen. Wo war Europa damals? Erschlagen, erschossen, vergast."

Lammert schließt mit nur einem Satz: "Wir Bürger der Europäischen Union sind zu unserem Glück vereint."

Von Gudrun Norbisrath

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