Wir werden neue starke Bilder liefern
31.10.2007 | 10:36 Uhr 2007-10-31T10:36:00+0100
Essen. Die Kulturhauptstadt 2010 wird uns immer lieber. Und sie wird uns wohl auch teurer werden.
Die Ruhr.2010-Geschäftsführer Fritz Pleitgen und Oliver Scheytt wollen, dass die Welt ins Staunen kommt. Und das kostet was.
NRZ: Zufrieden mit dem Stand der Dinge?
Pleitgen: Ja, sehr! Die Stimmung ist ausgesprochen positiv. Wir kommen täglich mit Menschen zusammen, die mit uns die Riesenchance "Kulturhauptstadt" für das Ruhrgebiet mit Elan nutzen wollen.
NRZ: Wenn Sie wieder mal von rauchenden Schloten und grauer Tristesse im Ruhrgebiet lesen, weinen Sie da in Ihr Kissen?
Pleitgen: Es gibt hier zwei Geschwindigkeiten. Der Strukturwandel vollzieht sich viel schneller als der Imagewandel. Ohne das Projekt "Kulturhauptstadt" würde der Imagewandel noch erheblich länger dauern.
Scheytt: Die Widersprüche müssen wir bis zu einem gewissen Grad aushalten. Eine Metropole macht immer auch das Hässliche aus. Wenn Sie nach Leipzig oder Düsseldorf oder London gucken - Schmuddel-ecken und dunkle Straßen gibt es überall. Und hat das Grau, hat der Schornstein nicht auch einen gewissen Reiz?
NRZ: Ist die Kulturhauptstadt aber nicht auch ein wenig "Unser Dorf soll schöner werden"?
Scheytt: Keineswegs! Blumentöpfe auf den Straßen und Balkonen sind schön anzusehen, aber dafür sind andere zuständig, nicht die Kulturhauptstadt Europas.
NRZ: Wie hätten Sie's denn gern?
Pleitgen: Eindeutig, wie unser Slogan: Ruhr.2010, Europas neue Metropole. Eine zuversichtliche Ansage, die sofort Reaktionen auslöst - Stirnrunzeln und Unglauben genauso wie lebhafte Zustimmung.
NRZ: Aber die alten Bilder scheinen am Ruhrgebiet wie Pech zu kleben.
Scheytt: Wir wollen unsere Identität nicht leugnen. Es gibt im Übrigen auch andere eindrucksvolle Bilder, wie die Zeche Zollverein oder die Henrichshütte in Hattingen#1#20 Pleitgen:... wir müssen aber auch neue starke Bilder liefern, die mit einem Schlag aller Welt die Besonderheit, ja Einzigartigkeit dieser Vielvölker-Metropole vermitteln, wie zum Beispiel der lange Tisch auf der A 40 zwischen Dortmund und Duisburg. In diesem Ausmaß hat es das noch nicht gegeben.
NRZ: Ist das nicht ein bisschen arg dick...
Pleitgen: ...arg dick, aber schön. Wir müssen starke Impulse setzen, sonst wird die Metropole Ruhr nicht gebührend wahrgenommen.
NRZ: Und weil die alten Stereotype von Kohlenstaub und Stahlfeuern so groß und mächtig sind, versuchen Sie mit großen Bildern dagegen zu arbeiten?
Pleitgen: Ja, mit den Mitteln Kunst und Kultur. Dazu gehört auch die Aktion "Schachtzeichen". Wo früher Zechentürme standen, sollen im Frühjahr 2010 dreihundert Fesselballons in den Himmel ragen. Das Bild, zur Zeit der Rapsblüte vom Satelliten aufgenommen, wird mit Sicherheit um die Welt gehen und ein neues Bild vom Ruhrgebiet vermitteln.
NRZ: Reicht denn das 48-Millionen-Budget der Kulturhauptstadt für starke Impulse?
Pleitgen: Wir müssen uns entscheiden, ob wir allein ein gepflegtes Kulturfest feiern oder mit zusätzlich starken Auftritten den Rest der Welt beeindrucken wollen.
Scheytt: Wir können natürlich alles eine Nummer kleiner machen, aber ob das dann den Ansprüchen hier genügt, ist sehr die Frage. Von Anfang an ist gesagt worden, dass zu den 48 Millionen weitere Gelder akquiriert werden müssen. Da sind wir ganz zuversichtlich.
NRZ: Also brauchen Sie mehr Geld.
Pleitgen: Wir müssen erst einmal alles durchrechnen und dann mit den Gesellschaftern entscheiden, was wir uns leisten wollen. Das Publikum hat seine Ansprüche. Es sieht Eröffnungsfeiern, etwa bei Olympischen Spielen, die Dutzende Millionen Euro kosten. Das können wir natürlich nicht liefern. Aber zu bieder dürfen wir in der Fernsehübertragung der Eröffnung am 9. Januar 2010 in der Schalke-Arena auch nicht daher kommen, sonst ist der Start versiebt.
Scheytt: Dabei muss man wissen, dass das Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt Europas für ganz Deutschland antritt, nicht nur für unsere Region. Die nächste deutsche Kulturhauptstadt wird es erst 2019 geben. Vor uns hatte Weimar 1999 fünfzehn Millionen Euro vom Bund erhalten, beim Ruhrgebiet sind bislang neun Millionen veranschlagt. Noch zwei Zahlen: Das kleine oberösterreichische Linz hat 60 Millionen Euro für sein Kulturhauptstadtjahr zur Verfügung, Istanbul rechnet mit 120 und Liverpool verfügt über 100 Millionen Euro.
Pleitgen: Auch in Deutschland gibt es große Engagements. Für den Wiederaufbau des Neuen Museums in Berlin werden 233 Millionen Euro ausgegeben. Für die Museumsinsel insgesamt über zwei Milliarden. Eine Investition, die sich auszahlen wird. Das Gleiche sollte hier gelten.
Scheytt: Wobei man sagen muss, dass das alljährliche Kulturprogramm im Ruhrgebiet wesentlich größer ist, als das Kulturhauptstadtprogramm damals in Weimar. Bei uns findet am Tag so viel statt wie in Weimar in einem Monat!
NRZ: Wie beteiligen sich die Kommunen?
Pleitgen: Gut! Wir haben allen angeboten, für eine Woche europäische Kulturhauptstadt zu sein.
NRZ: Und, wollen sie?
Scheytt: 40 Städte haben sich bislang für diese "Local Hero"-Aktion gemeldet, sogar das kleine Breckerfeld am Rande zum Sauerland. In diesen Städten ist dann auch Platz für etliche Projekte, die wir bis zum 31. Oktober haben ablehnen müssen.
NRZ: Weil sie zu klein waren?
Scheytt: Wir haben die Kriterien von vornherein benannt: Kulturhauptstadtprojekte müssen nachhaltig sein, modellhaft für Europa stehen und das Ruhrgebiet miteinander verknüpfen. Deshalb haben wir auch nur 1200 Projektvorschläge bekommen, genau soviel wie das kleine norwegische Stavanger, wo die Chefin gesagt hat: Ihr könnt vorschlagen, was ihr wollt, Hauptsache Kultur. Was lehnen wir ab? Der Kölner Künstler, der schöne Bilder gemalt hat und sie im Kulturhauptstadtjahr dem Ruhrgebiet zeigen möchte, hat leider keine Chance.
NRZ: Kann es sein, dass dann jenseits der Großspektakel vor Ort 2010 doch wieder Bergmanns-Chöre singen?
Pleitgen: Wir werden enorm viel hochklassige Kulturangebote erleben. Die freie Kulturszene soll sich entfalten. Aber auch Bergmannschöre sollten zum Programm gehören.
NRZ: Wollen die 53 Kommunen dafür überhaupt zahlen?
Pleitgen: Die meisten Kommunen stehen unter strikten Sparauflagen. Das engt ihren Spielraum unangenehm ein. Anderseits ist die Kulturhauptstadt eine einmalige Chance, sich zu profilieren und nach vorne zu bringen. Diese Chance sollte nicht verpasst werden. Von der Landesregierung wird Verständnis signalisiert. Am Ende sollte den Kommunen das Mitmachen ermöglicht werden.
NRZ: Macht eigentlich Dortmund noch mit? Ausgerechnet die größte Stadt des Ruhrgebiets scheint sich aus dem Regionalverband verabschieden zu wollen. Bei der Triennale fand man praktisch gar nicht statt.
Scheytt: Das Gegenteil ist bei der Kulturhauptstadt der Fall. Die Dortmunder machen gerne mit, sie haben uns gerade erst sehr schöne Projekte präsentiert.
NRZ: Die Sie bezahlen sollen, nehmen wir an.
Scheytt: Nein, im Gegenteil! Dortmund hat für das Thema Kulturhauptstadt neben Essen die größten Posten in seinen Haushalt eingestellt, eine siebenstellige Summe. Es geht ja bei alledem nicht darum, wer der Größte und Schönste im Revier ist, sondern darum, gemeinsam in Europa in Erscheinung zu treten, als eine der reichsten Kulturregionen des Kontinents.
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