Wir spielen, wir spielen!
30.09.2011 | 17:29 Uhr 2011-09-30T17:29:31+0200
Köln. Die Kölner Intendantin Karin Beier hat die Spielzeit ihres Theaters wieder einmal selbst eröffnet. Ihr Doppelabend „Demokratie in Abendstunden / Kein Licht“ ist eine Mischung aus Kulturkritik und einem neuen Text der Nobelpreisträgerin Elfrieder Jelinek.
Es ist sicher eher ein Zufall, aber er zeigt doch, wie nachhaltig das Werk des Filmregisseurs Federico Fellini sich auf das gegenwärtige Theater auswirkt. In München jedenfalls eröffnete Johan Simons die Saison an den Kammerspielen mit einer Bühnenfassung von „Fellinis Schiff der Träume“. Und in Köln füttert Intendantin Karin Beier zur gleichen Zeit die hohen Erwartungen des Publikums an das „Theater des Jahres“ mit einem Abend, dessen erster Teil sich ganz deutlich der Struktur aus der „Orchesterprobe“ Fellinis bedient.
Zweistündige Zitatenrevue
„Demokratie in Abendstunden“ nennt Beier ihre „Kakophonie“, eine zweistündige Zitatenrevue, in der es anfangs noch um den Aufstand der Musiker gegen die Tyrannei des Dirigenten geht und um die Frage, ob Demokratie in der Kunst überhaupt möglich ist. Später aber verschwimmen die Grenzen, wenn dann in einer Jam-Session der Schlagworte zu waberndem Raumklang die Revolution an sich thematisiert wird. Von Joseph Beuys bis Orson Welles, aber auch von El Kaida bis zu den Texten des „Unsichtbaren Komitees“ wirft man sich die Textbrocken von rund 30 Autoren um die Ohren.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt, wenn der Probenraum allmählich in Chaos und Unrat versinkt, sehnt der Zuschauer sich zurück zum Beginn, wenn Beyer tatsächlich noch versucht, Figuren zu charakterisieren. Da fordert das zweite Cello (Lina Beckmann) Gerechtigkeit ein, weil es stets als „Tutti-Schwein“ verdeckt bleibt. Da zückt die Harfe (Julia Wieninger) schon mal die Knarre, um ihrem Begehr Gehör zu verschaffen, da irrt die Querflöte (Jan-Peter Kampwirth) als gemobbtes armes Würstchen durch die Szene.
Von Ferne hört man derweil seltsam dumpf-bedrohliches Wummern. Doch wo bei Fellini die Abrissbirnen sich schließlich ihren Weg bahnen, da weinen die Wände hier nur schwarze Tränenströme. Vielleicht, weil der ganze Spuk nun vorbei ist, der Dirigent erneut zum Taktstock greift und alle wieder zahm gehorchen. Revolution, das ist was für die Pause, drängt sich hier als Botschaft auf. „Wir spielen“, pfropft die Harfe noch schnell am Mikro eine Botschaft drauf. Schließlich strebt die Kunst stets das Schöne an, egal welche Opfer dafür gebracht werden müssen. Soll man am Ende die Pyramiden abreißen, nur weil bei deren Bau Tausende ums Leben gekommen sind?
Qual und Komik
Damit ist die Klammer geschaffen für den einstündigen zweiten Teil des Abends, Elfriede Jelineks hier stark gekürzter Text „Kein Licht“ zur Strahlen-Katastrophe von Fukushima. „Wir spielen, wir spielen“ sagen die Musiker auch dort, nur kann es hier keiner mehr hören. So wie es einmal geheißen hat, dass nach Auschwitz kein Gedicht mehr möglich sei, so haben hier offensichtlich die Töne kapituliert. Karin Beier führt den Zuschauer vom hellen Probenraum nun in eine Art Menschheitsdämmerung, wo Jelinek mit gewohntem Zynismus den Schrecken attackiert. Man habe sich nie vorstellen können, einmal derart für die Kunst zu brennen, sagen die Verstrahlten. Qual und Komik feiern Verbrüderung, wenn der nutzlose Atemschutz dabei wie eine Clownsnase getragen wird und man darüber lamentiert, dass die Natur diesmal aber „übertrieben leidenschaftlich“ reagiert habe.
Nur mit ein paar solcher Tupfer macht die sprachmächtige Elfriede Jelinek deutlich, wie tief der Graben zwischen ihrem Beitrag und dem Rest des Abends ist.
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