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Wir Kinder vom Berliner Zoo

19.01.2010 | 16:32 Uhr
Wir Kinder vom Berliner Zoo

Essen.Ein Axolotl ist ein Lurch, der nie das Larvenstadium verlässt; er wird nicht erwachsen. Ein Roadkill nennt man ein Tier, das vom Auto überfahren wurde.

Nun wissen Sie, mit welchen Abstraktionsebenen von Radikalität die 17-jährige Autorin Helene Hegemann operiert (und viele Fremdwörter benutzt sie auch).

„Axolotl Roadkill” lautet der klingende Titel ihres Romandebüts, das längst nicht ihre erste künstlerische Tat ist: Hegemann schrieb bereits ein Theaterstück („Ariel 15”) und drehte einen preisgekrönten Film („Torpedo”). Dafür ging sie eher selten zur Schule. Ihr frühes und doch nicht unreifes Werk ist eng an ein Leben angelehnt, das gezeichnet ist von Brüchen. Bis zu ihrem 13. Lebensjahr wohnte Helene in Bochum bei ihrer Mutter. Als diese starb, zog sie nach Berlin zum Vater, dem einstigen Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann. Über Bochum sagt sie, „die Stadt hat mich nicht leben lassen”. Berlin emfpand sie als Befreiung: „Ich habe gemerkt: Ich bin nicht verrückt, ich habe nur zufällig in der falschen Umgebung gelebt.” Und doch: Wenn sie nun über Berliner Boheme schreibt, sei dies nicht autobiografisch.

Wie beruhigend.

Denn was ihre Heldin Mifti da erlebt in der Parallelwelt der drogenbestäubten Wohlstandsverwahrlosung, würde man niemandem wünschen. Dabei haben nicht Drogen- und Sex-Exzesse größtes Schocker-Potenzial, sondern -- Miftis Mutter. Einen Brief schreibt sie der Tochter: „Du bist Abschaum, Schatz, du bist die Krätze”. In diesem Moment berührt uns Miftis Schicksal.

In vielen anderen Momenten prallt mangels Identifikation das Mitleid ab an der glatten Oberfläche eines Sprachspiels: „Es geht um meine Achtungwürdigkeit ... es geht um die Explosion der Wahrnehmung und vielleicht auch ein bisschen um eine organisierte Form von Schallereignissen.”

Im Berliner Medienzoo wird Helene Hegemann als „Wunderkind” vorgeführt. Tatsächlich redet sie so gewandt, wie sie schreibt -- und so verwirrt. „Es geht um Heroin als Metapher”, sagt sie und wünscht sich mehr „Ambiguitätstoleranz”: „Man sollte bestimmte Lebensformen ernster nehmen, auch wenn man nicht sofort erkennt, worin da das Glück liegt.”

Das klingt neu – ist es aber nicht. Helene Hegemann hat ein Buch geschrieben, das nicht Autobiografie ist, sondern deren Ersatz: geschriebene, nicht gelebte Erfahrung. Und sie verbindet damit eine Forderung, die so alt ist wie das Erwachsenwerden selbst: Nehmt mich so, wie ich bin.

Man möchte sie umarmen.

Britta Heidemann

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