Winnetous Hausmusiker Martin Böttcher wird 85 Jahre alt
15.06.2012 | 18:08 Uhr 2012-06-15T18:08:00+0200
Essen. Der Komponist Martin Böttcher wird am Samstag 85. Seine Karl-May-Melodien sind bis heute unvergessen. Dabei hat er die Romane nie gelesen. Eines ärgert ihn bis heute: Er hätte gern die Musik zu "Spiel mir das Lied zum Tod" geschrieben.
Plötzlich ist er am Telefon. Dabei hatte man eigentlich nur den Manager seiner Plattenfirma angerufen, um nach einem Termin zu fragen. Aber wie der Zufall so will, sitzen sie gerade zusammen bei einer Tasse Kaffee. „Ich reiche den Hörer mal kurz rüber“, sagt der Manager. Und dann meldet er sich auch schon, der Mann, dem die Deutschen einige der schönsten Melodien ihrer Filmgeschichte verdanken und der am Samstag 85 Jahre alt wird. „Hallo, hier ist Martin Böttcher. Ich hätte jetzt Zeit.“
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Dann erzählt der Mann, der selbst nicht so genau weiß, wie viele Lieder er denn komponiert hat in seinem Leben. „Einige tausend werden es wohl gewesen sein.“ Wenn früher bei Edgar Wallace der Schwarze Abt oder der Mönch mit der Peitsche ihr Unwesen trieben, dann machten sie das zu Böttchers Musik. Und Pater Brown – der alte wie der neue – ermittelte auch gerne zu den Kompositionen des gebürtigen Berliners. Von den Männern des „Sonderdezernats K1“ ganz zu schweigen.
Trotzdem ist natürlich schnell von Karl May die Rede. Von der „Winnetou“- oder der „Old Shatterhand-Melodie“ – millionenfach verkauft und für immer verbunden mit seinem Namen. „Melodien, die Generationen und Zeiten miteinander verbinden“, hat sie ein Laudator einmal genannt.
Nur Muster geschickt
Sanft erklingen die Streicher, dezent wird im Hintergrund eine Gitarre gezupft, bevor wenig später jemand auf einer Mundharmonika spielt. Und wenn man etwas älter ist, dann braucht es nur Sekunden und schon tauchen Bilder vor dem geistigen Auge auf. Vom edlen Apachen und Old Shatterhand. Wie sie über die Prärie reiten oder sich auf schroffen Felsen die Hände reichen und „Mein Bruder“ sagen.
Es scheint, als hätten sie damals nur aufeinander gewartet, Böttcher und der Wilde Westen. „Nee, nee“, sagt der Komponist und muss ein wenig lachen am anderen Ende der Leitung. „Um ehrlich zu sein, hatte ich nie ein Buch von Karl May gelesen. Die waren mir zu dick.“ Muster hat ihm Horst Wendlandt, der Produzent der Filme zugeschickt. Ein paar Szenen vom Set, das der Komponist auch später nie besucht hat. Böttcher hat sie sich angesehen, „dann ging alles ganz schnell“. Am Telefon spielt er Wendlandt die ersten Takte vor und der ist begeistert: „So machen wir es.“ Vier Wochen später ist die ganze Musik fertig.
Mit 16 zur Luftwaffe
Dabei hat Böttcher eigentlich nie Komponist werden wollen. Ja trotz des Klavierunterrichts wollte er nicht mal Musiker sein. „Ich wollte fliegen.“ Je schneller, desto besser. Noch nicht mal 17 Jahre alt, meldet er sich 1944 zur Luftwaffe, wird am raketengetriebenen „Kometjäger“ ausgebildet, kommt aber nie zum Einsatz. „Treibstoffmangel.“ Im Nachhinein ein Glücksfall.
Wie so vieles im Leben des Urenkels eines Weimarer Hofkapellmeisters Glück war. Das Trommelfell etwa, das nach der nahen Explosion einer Granate wieder völlig heilt. Oder die Gitarre, die ihm in britischer Kriegsgefangenschaft zufällig in die Hände fällt und auf der er sich das Spielen selber beibringt. Stundenlang, jeden Tag. „Ich war“, glaubt Böttcher, „oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“
Tanzmusik mit James Last
Mit seiner Gitarre spielt er Schlager beim Tanzorchester des NWDR und Jazz mit „Mr. Martin’s Band“, Hans Last, der sich später James nennt, zupft den Bass, ein gewisser Ernst Mosch bläst die Posaune. Doch schon bald wird Böttcher das Musik machen alleine zu langweilig. Er will Musik auch schreiben. „Die Halbstarken“ und die Edgar Wallace-Filme machen ihn bekannt, Winnetou und Old Shatterhand machen ihn berühmt. Doch Böttcher bleibt bescheiden. Und wenn er doch einmal abhebt, dann nur hinter dem Steuerknüppel seines Segelfliegers. Oder beim Windsurfen, das er als einer der ersten in Deutschland für sich entdeckt.
Im Rampenlicht steht er nur selten. Und auch seinen Geburtstag will er im kleinen Kreis feiern – wahrscheinlich in seinem Haus in Lugano, wo er seit fast 50 Jahren lebt.
Zufrieden klingt er und ist es nach eigener Aussage auch. Nur eines ärgert ihn, wenn er auf die letzten Jahrzehnte zurückblickt. Auch das ist wohl typisch für Böttcher. „Ich hätte“, sagt er, „gerne die Musik zu ,Spiel mir das Lied vom Tod’ geschrieben.“
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