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Wilde, kreative, freie Theater bringen Impulse

25.11.2009 | 11:13 Uhr
Wilde, kreative, freie Theater bringen Impulse

Essen. Othello oder der Komplize eines Serienmörder? Kochen auf der Bühne oder Spitzentanz im Alter? Befreite Maskottchen, ein spukender Stalin und Modern Dance in Moskau: Jede Menge "Impulse" werden beim gleichnamigen Theaterfestival von den 15 freien Produktionen ausgehen.

Woyzeck (c) Boris Nikitin

Sie sind wild, sie sind radikal, sie sind kreativ und sie sind frei: Freie Theatergruppen haben in der Regel wenig Geld – aber auch wenige Verpflichtungen. Und können so leichter neu denken, was wiederum neue „Impulse“ bringt. Genau die soll’s beim gleichnamigen Theaterfestival vom 25. November bis 6. Dezember wieder geben – wenn 15 Produktionen, elf davon im Wettbewerb, insgesamt 49 mal in Bochum und Mülheim an der Ruhr, in Düsseldorf und Köln über die Bühnen gehen werden.

Es geht um Betrug, Täuschung und Magie

Sie kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Boris Nikitin zum Beispiel, der gleich mit zwei Produktionen zu den „Impulsen“ eingeladen worden ist. Aus Georg Büchners Fragment „Woyzeck“ hat der 1979 in Basel geborene Theatermacher einen furiosen Monolog entwickelt, den Malte Scholz in Köln (Alte Feuerwache), Bochum (Prinz Regent Theater) und im Mülheimer Ringlokschuppen spielen wird. Nikitins zweite Arbeit ist „F wie Fälschung“ nach Orson Welles’ „F for Fake“. Es geht um Betrug, Täuschung und Magie: Nikitin nimmt das Beispiel einer Theaterinszenierung zum Ausgangspunkt seiner unterhaltsamen Reflexionen zum Thema Realität.

"Pate I – III" Far a Day Cage. © Jon Etter

Ebenfalls aus der Schweiz stammt die Gruppe „Far A Day Cage“ (FADC), die für ihre Mixturen aus Performance, Dokumentar- und Erzähltheater bekannt ist: Aus den Kult-Filmen „Der Pate I-III“ spielt die Truppe nicht nur die bekanntesten Szenen nach, nein, sie kocht auch noch auf der Bühne, isst mit den Zuschauern, macht Musik und analysiert die Story. Und ganz nebenbei bekommt das Publikum jede Menge Insiderwissen zu den Dreharbeiten serviert – ein vielschichtiger Ritt durch die Realitätsebenen.

Othello mit afrikanischem Selbstverständnis

Aus ihrem eindimensionalen Dasein als Winke- und Grinse-Tierchen weckt die Schweizer Truppe „Schauplatz International“ Maskottchen – weckt ihr revolutionäres Bewusstsein und befreit dabei die Schauspieler aus den demütigenden und schweißtreibenden Kostümen. „M*A*S*C*O*T*S*“ wird vier Mal zu sehen sein – in Köln, in Mülheim, in Bochum und in Düsseldorf.

Die Regisseurin Monika Gintersdorfer und der bildende Künstler Knut Klaßen haben zusammen mit dem Choreografen Franck Edmond Yao „Othello C’est Qui“ erarbeitet. Shakespeares Othello gilt als die schwarze Theaterfigur – und ist doch vor allem der Blick eines Europäers auf das Fremde. Gintersdorfer/Klaßen stellen dem ein afrikanisches Selbstverständnis entgegen und machen in der Begegnung zweier Kulturen auf der Bühne Gemeinsamkeiten und Trennendes erlebbar.

Humorvolle Bestandsaufnahme des Zeitgeists

"Betrügen" von Gintersdorfer/ Klaßen © Knut Klaßen

Als zweite Produktion des kreativen Duos wird beim den Impulsen „Betrügen“ zu sehen sein. Gintersdorfer/Klaßen bringen ihre Version von „Coupé Décalé“ auf die Bühne: So wird die Show genannt, die Einwanderer aus Cote d’Ivoire in Pariser Clubs zelebrieren, die mit teurer Kleidung protzen, zeigen, was sie haben, Geld in die Menge werfen. Die Produktion zeigt das atemberaubende Spiel des Egos, aber auch die Risse in der Glitzerwelt - und die nüchterne Realität dahinter.

Nichts weniger als die Welt zu retten hat die Gruppe Gob Squad vorgenommen: „Wie soll man leben, damit die Welt bestehen bleibt?“ – solche und andere, große und kleine Fragen stellten die Performer von Gob Squad einen Tag lang Passanten in Köln vor laufender Kamera. Die Ergebnisse ihrer ungewöhnlichen Beobachtungen, gänzlich unzensiert, werden Zuschauer unter dem Titel „Saving the World“ auf der Leinwand sehen können – eine aussagekräftige, widersprüchliche und vor allem humorvolle Bestandsaufnahme des Zeitgeists.

Es spukt an Lenins Grab

"Spitze" von Doris Uhlich. © Andrea Salzmann

Am Grab Lenins spukt es. Immer neue Geister erscheinen: Stalin, Putin, John Lennon und Mickey Mouse... Fakten, Halbwissen und Nonsens vermischen „andcompany&Co“ zum absurden Totentanz der kommunistischen Ideologie sowie ihrer Pervertierung, und stellen mit ihrem furiosen und komischen Spiel in „Mausoleum Buffo“zugleich die Frage nach zeitgenössischen Utopien. Das internationale Performance-Kollektiv arbeitet mit jeweils für die einzelnen Projekte verpflichteten Künstler an der Schnittstelle von Theater und Theorie, Politik und Praxis.

„Spitze“ ist Doris Uhlichs Idee. Das klassische Ballett ist eine von Hierarchien, Regeln und einem festen Bewegungskanon bestimmte Kunst. Aber was passiert, wenn man diese Grundfesten einreißt – wenn eine gealterte Ex-Primaballerina tanzt, ein Pas de deux zum Solostück wird oder Bewegungen seziert werden? Uhlich setzt sich mit Körperbildern und den Illusionswelten des Balletts und der Menschen dahinter auseinander.

Wie macht man Genozid begreifbar?

"Ruanda revisited" von Hans-Werner Kroesinger © david baltzer/bildbuehne.de.

Der eine war Tänzer am Bolschoi Theater, der andere ist Ergebnis eines One-Night-Stands Jean-Luc Godards in Moskau. Nun stehen sie gemeinsam auf der Bühne, erzählen ihre von russischer Tradition, aber auch westlichen und fernöstlichen Einflüssen geprägten Künstlerbiografien. Andrei Andrianov und Oleg Soulimenko liefern mit „Made in Russia“ eine absurde und aberwitzige Mixtur, eine wirklich internationale und interkulturelle Modern Dance Performance – auf Russisch und Englisch mit Übertiteln.

800.000 Männer, Frauen und Kinder wurden 1994 in Ruanda gemordet – eine unfassbare Zahl: Wie macht man Genozid bloß begreifbar? Der Dokumentartheatermacher Hans Werner Kroesinger hält sich in „Ruanda Revisited“ nicht nur an nackte Zahlen, die Beschreibung des Geschehens und dessen Hintergründe. In einer subversiven Versuchsanordnung zum Thema Gewalt holt er die Zuschauer aus ihrer passiven Rolle. Vorsicht - die moralisch richtige Seite ist dabei nicht garantiert. Kroesinger thematisiert in seinen Stücken Fragen des politischen Handelns – etwa anhand des Eichmann-Prozesses, des Deutschen Herbstes oder der Geschichte des Kolonialismus - und spielt dabei immer wieder mit Zuschauerhaltungen.

Pubertierende Schaumstoffpuppen

Diese Produktionen sind zum Wettbewerb eingeladen – die folgenden wollten die Festivalmacher aber dem Impulse-Publikum auch nicht vorenthalten. Special guest des Festivals 2009 ist zum Beispiel das „Helmi“ aus Berlin mit seinem Aufklärungsstück für Zuschauer ab zwölf: Maike ist zwölf und zum ersten Mal verliebt. Bill hat schon viele geknutscht. Liebe und erster Sex sind große Themen unter Jugendlichen, das Wissen darum oft eher dürftig."Let's talk about sex": Das Helmi schickt vier pubertierende Schaumstoffpuppen in die Schlacht um Gefühlsverwirrungen und Körper.

"My ten favorite ways to undress/ a personal hitlist" von Beatrice Fleischlin © Wolfgang Probst

Um Körper geht es auch der freien Schauspielerin Beatrice Fleischlin, ihren Körper, um genau zu sein... Es gibt unzählige Arten, es zu tun. Die meisten tun es täglich und einfach so, andere machen es für Geld: sich ausziehen. Beatrice Fleischlin geht diesem Vorgang auf den Grund - ein Vorgang, der als eine Art Verkaufsstrategie des Körpers vorgeführt wird oder die Intimität des Entkleidens betont: „My ten favorite ways to undress/A personal hitlist“.

Horrortrip entsteht in der Fantasie der Zuschauer

"Jerk" von Gisèle Vienne/ Dennis Cooper/ Jonathan Capdevielle. © Mathilde Dare

Eine Autopanne im Niemandsland. Sechs langhaarige Rocker mit Hund entsteigen einem Kleinwagen mit Wohnanhänger. Aus Plastiktüten, Perücken, Schneespray und einer Seifenblasenmaschine entwickeln sie kleine Installationen und große Wunder. „La Mélancolie des Dragons“ heißt das Stück in französischer, englischer und deutscher Sprache, in dem Philippe Quesne mit einfachen Mitteln vom schöpferischen Moment der Krise und der Sehnsucht nach dem Echten und Wunderbaren erzählt.

Weniger lyrisch klingt der Titel von Gisèle Viennes Arbeit – zu Recht: In „Jerk“ ist David Brooks der Protagonist, im wahren Leben spielte er als Komplize des Serienmörders Dean Corll eine grausame Nebenrolle. Corll hatte zwanzig Jungen qualvoll getötet. In Viennes Stück sitzt Brooks im Gefängnis und stellt die Morde mit Puppen nach: Ein Spiel, das für das Publikum zur emotionalen Achterbahnfahrt wird - Grauen folgt Faszination, Angst folgt Lachen, in der Fantasie der Zuschauer entsteht der Horrortrip.

Monika Idems

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