Wie zwei Dorstener vom Hegemann-Skandal profitieren
25.02.2010 | 15:51 Uhr 2010-02-25T15:51:00+0100
Berlin/Dorsten.Der Plagiatsskandal um Helene Hegemann zieht Kreise bis ins Ruhrgebiet. Abgeschrieben hat die junge Autorin aus dem Buch „Strobo“, das Frank Maleu und Marc Degens aus Dorsten in ihrem Berliner Verlag „Sukultur“ herausgebracht haben.
Die Spur führt ins Ruhrgebiet: Im Zentrum des größten Plagiatsspektakels der letzten Jahre stehen nicht nur die 18-jährige Helene Hegemann und ihr Debutroman „Axolotl Roadkill“ – sondern auch der Blogger und Buchautor Airen, bei dem die Jungautorin abgeschrieben hat. Frank Maleu und Marc Degens aus Dorsten haben Airens Buch „Strobo“ im letzten Sommer in ihrem Berliner Verlag „Sukultur“ herausgebracht.
Gibt es eigentlich ein Dorstener Leben im Berliner?
Anruf der WAZ bei Frank Maleu in Berlin. „Gibt es eigentlich ein Dorstener Leben im Berliner?“ Man hört fast, wie der 37-Jährige die Augen rollt. Okay, Schlechte Adornowitze sind vielleicht kein optimaler Einstieg für ein Gespräch mit dem Kleinverleger, der bis ein Uhr morgens die zweite „Strobo“-Auflage eintütet. Weil doch jetzt alle Welt das Buch lesen will, das Hegemann so toll fand, dass sie gleich ganze Passagen daraus kopierte. Aber Maleu nimmt den Adorno nicht übel. „Eine Plagiatsklage kriegen Sie dafür jedenfalls nicht.“ Auch mit dem Ullstein-Verlag, wo Hegemanns Plagiatbuch erschienen ist, haben sich die Sukultur-Verleger im Stillen geeinigt.
Drei Tage nach dem Telefonat sitzen Maleu und sein Partner Marc Degens in einer Vorortkneipe im Norden von Berlin. Baumärkte, zersiedelte Ortschaften, Trinkhallen. Hier in Reinickendorf sieht Berlin aus wie Recklinghausen. Ob sich die Dorstener deshalb so wohl fühlen? Eine Art Heimatersatz 500 Kilometer weiter im Osten? Maleu, der Mitte der Neunziger Jahre zum Jurastudium nach Berlin kam, ist da leidenschaftslos. Er ist aus Dorsten weggegangen, weil ihm die Stadt zu eng war. Zuviel Tratsch, zu viele Kleinstadtreflexe. „Eine Schlafstadt.“ Und die Schule, das Petrinum? Na ja, zumindest hat er im Kunstkurs neben Marc Degens gesessen. 1992 Abitur, dann nix wie weg. „Dorsten zwingt einen dazu, etwas zu machen, sonst geht man kaputt.“ Harte Worte.
Degens, der Germanist, sieht die Sache sanfter. Er besucht manchmal seine Eltern, erinnert sich an die nächtlichen Radfahrten mit seiner Freundin am Kanal. Wie schön das war. Er grinst zu Maleu rüber. „Jetzt, wo es Internet gibt, kann man’s da besser aushalten.“ Degens klappt sein Laptop auf und zeigt dem Freund ein paar Fotos vom letzten Besuch. „Ach, das ist ja unsere Schule.“ Maleu zieht die Brauen hoch und sagt dann doch noch etwas Versöhnliches: „Wenn man jetzt am Telefon zufällig einen aus dem Ruhrgebiet hat, dann hat der natürlich einen Vertrauensvorschuss.“ Der trockene Humor der alten Heimat, das Offene und Gradlinige – das alles will er ja gar nicht leugnen.
Seit zehn Jahren betreiben die beiden Dorstener zusammen mit einem dritten Freund in Berlin den „Sukultur“-Verlag. Bundesweit bekannt wurde „Sukultur“ vor einigen Jahren mit seinen Groschenheftchen: Gute Literatur für einen Euro aus dem Süßigkeitenautomaten. Rund 50000 Büchlein sind bereits verkauft.
Der Aufmerksamkeitsschock
Dann kamen erst „Axolotl Roadkill“ und der Hegemann-Hype in den Feuilletons, dann die Plagiatsdebatte und am Ende das, was Degens den „Aufmerksamkeitsschock“ nennt. Der 38-Jährige ist extra aus Armenien angereist, wo er seit zwei Jahren mit seiner Frau lebt. Über den kleinen Verlag ging gerade das Blitzlichtgewitter des Feuilletonskandals nieder – und eine Frage wurde immer wieder gestellt: Klagt „Sukultur“ gegen Ullstein? David gegen Goliath? „Nein“, sagt der Jurist Maleu. „Wir haben die Abdruckgenehmigung nachträglich erteilt.“ Sicher, man hätte mehr Druck ausüben können. „Aber das hätte in letzter Konsequenz ein Buch verhindert. Das wollen wir nicht.“
Anfang der Woche ist Marc Degens wieder nach Armenien abgereist, und Frank Maleu kommt endlich wieder vor Mitternacht ins Bett. Der Blogger Airen wird ihnen keine schlaflosen Nächte mehr bescheren – das macht er jetzt woanders. Der Szenestar ist über das ganze Spektakel zum gefragten Autor geworden. Die großen Verlage haben schon angeklopft. Und seine beiden Entdecker lassen ihn ziehen. Traurig? „Wir wollen uns ja nicht dem Markt hingeben“, sagt Maleu und zuckt die Achseln. „Nur wegen Strobo werden wir doch kein normaler Verlag.“ Klingt vertraut, klingt nach Reviertradition. Klingt wie: „Sollen die anderen sich aufregen - wir machen weiter unser Ding.“
13:16
Die Welle um Deutschlands berühmtestes Plagiat erreicht jetzt auch die Provinz im verschlafenen Dorsten, dank Frank Maleu und Mark Degens, den wahren Schreiberlingen der skandalösen Roadkill Passagen und natürlich aufgrund der Tatsache, dass die Penne der beiden Wahlberliner, das Gymnasium Petrinum, mitten in Dorsten steht.
Was lernen wir daraus?
1. Man muss Dorsten schon verlassen, wenn man was werden will, selbst als gruftiger Undergroundblogger
2. So altmodisch kann das Gymnasium Petrinum gar nicht sein, wenn es solche Leute hervorbringt
3. Wahrscheinlich würde heute Plagiatistin Helene Hegemann im Schatten von Frank Maleu und Marc Degens stehen und nicht umgekehrt, hätten die beiden Dorstener in ihrer Schulkzeit gelernt, wie einfach das Leben ist, wenn man von anderen abschreibt. Aber Abschreiben, das weiß ich aus eigener Erfahrung, war auf dem Petrinum immer schon verboten... ;-)
16:48
autsch- da ich häufig über Flüchtigkeitsfehler moppere ... mea culpa ... da hab ich einige eingebaut; aber ich werde dafür ja auch nicht bezahlt! *g*
16:45
zwei Dorsterner profitieren von einem Skandal?
Überaus interessante Weltsicht; eine keineswegs volljährige Person verfasst also unter mutmasslicher Anleitung ihres skandalerprobten Vaters ein angeblich erlebnisbasiertes Büchlein, dessen Inhalte sie schon aufgrund Alter und eingehaltener Jugendschutzbestimmungen der geschilderten Läden nicht ihre erlebnisse sein können- die ganze Chose wird ohne Ende vom dt. Feuilliton gehypt, und nach diversen Hinweisen von Autoren aus der Blogger- Szene erfährt u.a. der echte Berichterstatter Anerkennung in beachtlichen Verkaufszahlen ... ist das verwerflich? Liegt der Skandal nicht eher darin, dass die versammelten Kulturredaktionen jetzt mit Händen in der Tasche, den Blick fröhlich pfeifend gen Himmel gerichtet so tun, als ob sie nicht einer der grössten Lachnummern der letzten Jahre aufgesessen sind?
Von einer mit Ahnungslosigkeit gebeutelten Redaktion wie der Ihren mag ich hier gar nicht schreiben ...
16:09
Schon interessant, was heutzutage alles sofort eine Affäre oder ein Skandal ist.