Wie Opernhäuser Ersatz für Hauptdarsteller organisieren

Wehe, es fehlt jemand!  Die Leerstelle im Bild oben hat die digitale Schere unserer Redaktion der Opernszene nur „angedichtet“. Tatsächlich tun Theater alles, um Vorstellungen nicht ausfallen zu lassen.
Wehe, es fehlt jemand! Die Leerstelle im Bild oben hat die digitale Schere unserer Redaktion der Opernszene nur „angedichtet“. Tatsächlich tun Theater alles, um Vorstellungen nicht ausfallen zu lassen.
Foto: Waltraud Grubitzsch
Was wir bereits wissen
Fast nie fallen in der Klassik Opern und Konzerte aus. Hinter den Kulissen arbeitet dann ein Team daran, dass schnellstmöglich Ersatz gefunden wird.

An Rhein und Ruhr.. Am schlimmsten, sagt Stephen Harrison, sei Weihnachten. „Schrecklich. Alle sind bei ihren Familien, haben das Handy aus und feiern, ob sie nun in Boston sind oder Helsinki.“ Da sitzt die ersehnte Aida gemütlich unterm Baum. Dabei würde Harrison ihr gern den nächsten Flug nach Düsseldorf buchen. Harrison ist einer der Menschen, die kein Zuschauer je zu Gesicht bekommt – aber wehe, man hätte einen wie ihn nicht.

Operngala Stephen Harrison ist Operndirektor an der Rheinoper. Oder sagen wir besser: Feuerwehrmann. „Wir sind Retter in der Not“ sagt Harrison. Not heißt: Wenn Pamino ohne Huster nicht mal auf der Zauberflöte spielen kann.

Falls es Ihnen, geneigtes Publikum, noch nicht aufgefallen ist: So gut wie nie fallen eine Opern-Vorstellung oder ein Klassik-Konzert aus. Dahinter stecken Hochgeschwindigkeit, ein Heer von Kontakten, dicke Nervenkostüme. Oder einer wie Harrison. „Unser größtes Hilfsmittel ist die üppige Speicherkapazität der Smartphones“, sagt er. Im Internet wird gesurft, wer wann und wo gerade noch den Don Giovanni oder Otello drauf hat.

Last-Minute-Ersatz - "Der Lappen muss hochgehen"

„Oh, manchmal ruft man acht bis zehn Sänger an!“, sagt Harrison und kommt ins Geschichtenerzählen. Da war die einspringende „Butterfly“ aus Tel Aviv. Die Dame hat dann in Paris den Anschlussflug verpasst, „obwohl wir mit dem Gate telefoniert und gebettelt haben“. Es wurde ein Last-Minute-Ersatz. „Rein ins Kostüm, rauf auf die Bühne“, erinnert sich Harrison.

Opernehe Oder letzten 27. Dezember, als er („und dann sehe ich aus dem Fenster und es beginnt auch noch zu schneien!“) eine rettenden Brünnhilde zwar nicht aus Walhall, aber aus Cardiff zum Rhein fliegen ließ. Sie landete und sang.

Es gibt ein Gesetz, das jeder kennt im Theater, ganz gleich, ob er die Scheinwerfer lenkt oder ein hohes C in den dritten Rang schießt: Der Lappen muss hochgehen.

„Wir versuchen es immer“, beteuert Harrison. Julia Amos weiß gut, was das bedeuten kann. Die Sopranistin ist im Ensemble des Dortmunder Opernhauses. Wie jeder Profi kennt sie das Einspringen. Unvergessen der Anruf des Opernhauses Münster: „Unsere Adele ist krank“. Also: „Fledermaus“- Es waren kaum noch Stunden, jene höchste Eisenbahn, in der Amos dann binnen Minuten saß. Ankunft 19h, Vorstellung: 19.30h.

Die Kostümabteilung ist einfallsreich bei Planänderungen

Aufregend? „Ja!“ Schrecklich? „Nein!“, sagt Julia Amos freundlich: Flexibilität lerne man als Opernsänger von Anfang an. Bestenfalls bedeute Einspringen „gutes Ping-Pong“, es könne ein „echter Spaßfaktor“ sein, „fast immer trifft man sehr offene Kollegen“.

Einsätze in letzter Minute sind die Ausnahme. Meist gibt es zwischen Absage und Ersatz etwas Zeit. Das Räderwerk des Theaterbetriebs braucht sie: Die Kostümabteilung kriegt die neuen Maße, kann ja durchaus sein, dass die neue Desdemona 20 Kilo leichter ist als die mit der Grippe. „Die sind enorm einfallsreich. Die weiße Flagge haben sie noch nie gehisst“, sagt Harrison mit Respekt. Ran muss auch der Regieassistent. Ein Regisseur hat sieben Wochen geprobt, nun geht es um die Kunst, dem Einspringer die „Choreographie“ in einfachsten Schritten zu erklären. Falls Zeit bleibt: Es gibt Filmmitschnitte als Vorbild für den Einspringer. Dann ab zum Dirigenten, Tempifragen et cetera.

Und das Publikum? „Es ist sehr tolerant und überglücklich“, sagt Harrison und erinnert sich, dass selbst ein Sänger, der sich mit Notenständer über die Bühne bewegte, herzlichen Applaus bekam. Julia Amos weiß, warum: „Man hat ja den Bonus des Abendretters“.