Wettstreit der Dichter
06.02.2008 | 22:05 Uhr 2008-02-06T22:05:04+0100
Dortmund. Große Zeiten für "Poetry Slam", die moderne Form des lyrischen Duells. Die jungen Sprachwütigen hangeln sich spektakulär vom Verrückten zum Nachdenklichen, vom Poetischen zum Banalen. Und ihr Publikum wächst
Luft holen, Mut einatmen und heraus mit den Worten. In Deutschland sind die Live-Dichter los. Jeder darf, alles geht, solange das Publikum keine rote Karte zeigt. Der "Poetry Slam", zu deutsch "Dichterwettstreit", erlebt einen Boom.
Ob im Fernsehen oder auf Kneipenbühnen - vor allem junge Wortakrobaten dichten öffentlich, was ihre Federn hergeben. Sie stellen sich vor ein Publikum, nehmen das Mikrofon und legen los. Sie erzählen, rappen, reimen, flüstern, schreien, wedeln mit den Armen, legen kunstvolle Pausen ein, immer im Auftrag der Poesie. Sie sind Studenten, Hausfrauen oder Sachbearbeiter, sie sind Mutige, die einfach etwas ausprobieren wollen. Im Ruhrgebiet ist die Szene schon länger aktiv, was sich am Dortmunder "Subrosa" beobachten lässt.
"Die Tapete erzeugt ein Gefühl geistigen Stumpfseins"
Seit gut 13 Jahren lädt die wilddekorierte Hafenkneipe zur poetischen Wortschlacht am Tresen. "Wir haben damit angefangen, da wussten die meisten noch gar nicht, was Poetry Slam ist", sagt Betreiber Cornel Axel. Nicht immer war es so voll wie in den letzten Monaten. Was daran liegen mag, dass der WDR dem Genre derzeit eine eigene Sendung widmet. Der "Subliterarische Zauberkasten", wie der lokale Dichterwettstreit im Subrosa genannt wird, bietet ein unerwartet hohes Niveau. Keine Blümchenpoesie, sondern frech-hintersinnige Wortspiele, Fantasie und sogar Literaturpreisträger auf der Bühne.
Während sich die Gäste auf den Barhockern niederlassen, organisiert Grobylin Marlowe, umtriebiger Dozent für kreatives Schreiben, den Ablauf. "Ah, da ist unser Monatsmeister", sagt er und klopft einem jungen Mann auf die Schulter. Der heißt Torsten Sträter, schreibt am liebsten Horrorgeschichten und wurde hier für seine Monatsrückblicke zum "besten Poetry-Slammer des letzten Monats" gewählt. Das Publikum liebt ihn für Sätze wie "Die Tapete erzeugt ein Gefühl des geistigen Stumpfseins".
Glaubt man der Überlieferung, dann stammt der moderne Wettstreit der Poeten aus Chicago, wo der Performance-Poet Marc Kelly Smith 1984 begann, eine andere Form der Literaturvermittlung zu propagieren. Weg vom Text zwischen getragener Stimme und halbvollem Wasserglas. Er etablierte eine erste Poetry Show im Jazz Club "Green Mill", es folgten Shows in weiteren Städten Amerikas.
"Wo Hänschen nicht raucht, da raucht Hans nimmermehr"
In Deutschland traten Mitte der 90er Jahre in Berlin die ersten Dichter zum Wettstreit an. Mittlerweile gibt es kaum eine Großstadt ohne Poetry-Slam-Bühne. Um die 70 Veranstaltungen soll es geben. Sogar den Bundeswettbewerb beanspruchen mehrere Städte für sich. Es gibt U-20-Meisterschaften und Slammer-Treffen. Es gibt lokale Helden. Es gibt Bundessieger wie Marc-Uwe Kling, die regelmäßig auf der TV-Bühne stehen. Und wer sich auf europäischem Niveau messen will, kann im Internet am "Web Slam" teilnehmen.
Mehr Infos
- Das "Subrosa" in Dortmund (Gneisenaustr. 56) lädt jeden dritten Monatg im Monat ab 20 Uhr zum Wettstreit.
- Im Tectum-Verlag ist von Stefanie Westermayr das Buch "Poetry Slam in Deutschland" erschienen (19,90€).
- Das Reclam-Heft "Slam Poetry" (3€) liefert Texte und Materialien für den Schulunterricht.
- www.poetry-slam.portal.de
Der Abend im Subrosa verspricht abwechslungsreich zu werden: Es melden sich neue mutige Poeten, die sich trauen. Jeder Zuschauer bekommt eine rote Karte, damit kann er Langeweile ausdrücken. Sind zu viele rote Karten oben, heißt es für den selbsternannten Dichter: Runter von der Bühne! In der Geschichte der Schänke gab es durchaus Teilnehmer, die das kollektive "Buuuh" missachteten. "Da hilft nur Strom abstellen."
Das ist bei Tobi Katze nicht notwendig. Er ist ein beliebter Vielschreiber. Heute glänzt er mit einer Kurz-Performance zum Anti-Raucher-Gesetz. Langsam nimmt er das Mikrofon, flüstert dramatisch: "Wo Hänschen nicht raucht", macht eine Pause, atmet tief, schaut lange ins Publikum, dann: "Ja, wo Hänschen nicht raucht, da raucht Hans nimmermehr." Applaus.
"Wir schubsen Billiardkugeln über den Rand unserer Welt"
In der Regel treten mehr Männer als Frauen auf. "Alltagsbeobachtungen sind angesagt, sexistische Texte nicht", sagt Axel. Und: Guter Humor. Oder eine lasziv-leise Stimme, die wortreich wunderbare Welten erschafft, so wie Ivette Vivienne Kunkel es macht. Die junge Frau hat regionale Literaturpreise gewonnen. Sie spricht ihre Texte frei: "Ich betrinke mich an meinem Herzschlag", flüstert sie. "Und wir schubsen Billardkugeln über den Rand unserer Welt, in der es sicherlich mehr als sechs Löcher gibt." Die roten Karten übrigens, sie bleiben die ganze Zeit unten.
03:33
ja, so sieht das aus: seit 13jahren...und kein bischen müde
- doch, verdammt: who the **** is axel ? i am BoB ! anyway,
viel wichtiger zu erwähnen ist noch: der OFFENE
charakter des jams, bei dem sich jede/r auf der BÜHNE
einmischen kann - also:
zeig, was DU kannst !!!
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www.hafenschaenke.de/songsandstories/regulars.html#Pjam