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Wer ließ Amy Robsart sterben?

16.02.2010 | 19:26 Uhr
Wer ließ Amy Robsart sterben?

London.Mit 19 veröffentlichte Tanja Kinkel ihren ersten Roman, heute verschlingen Millionen Leser ihre akribisch recherchierten Historienschmöker. Für ihr neues Werk „Im Schatten der Königin“ hat die Reisende zwischen den Zeiten erstmals in einer Londoner Textwerkstatt Einblick in ihre Arbeit gegeben.

Fantasie ist Königsdisziplin für Tanja Kinkel: Morgens um 9 Uhr kann sie am Bahnhof Waterloo zielsicher durch Ticketschranken und schnatternde Touristengruppen hindurchnavigieren und sich zugleich in Fleisch und Blut von Elizabeth I. hineinfühlen. Zwischen der 40-jährigen Ideenmaschine Kinkel, die alle zwei Jahre einen neuen Bestseller auf den Markt schubst, und der antiken Vollblutpolitikerin des Königreiches liegen vier Jahrhunderte – eine halbe Ewigkeit für viele Leser, für die Autorin indes nur eine Frage von Feinnervigkeit und wenigen Zugminuten hinaus aufs Land.

„Meine Arbeit beginnt mit dem Lesen von Biographien und historischen Quellen“, sagt sie, „und wenn es sich lohnt, besuche ich die Orte, an denen meine Romane spielen.“ Hampton Court, der Landsitz der Royals aus der Tudor-Zeit, ist heute ihr Ziel. Natürlich hat sie hier schon längst die Luft zwischen altem Kopfsteinpflaster, verrauchten Kaminen und Ölgemälden mit patinierten Rahmen geschnuppert.

Für ihren aktuellen, 13. Roman hat sie auch die Galerie inspiziert, auf der eine von Elizabeths Vorgängerinnen um ihr Leben flehte, bevor Monarchengatte Henry VIII. sie köpfen ließ. Diese Szene, die Elizabeth als Kind miterlebte, dürfte eine der Schlüsselerfahrungen zu ihrem Charakter sein, den Tanja Kinkel psychologisch glaubhaft und mit vielen authentischen Details rekonstruiert. Zeit ihres Lebens hat sich die Königin geweigert, zu heiraten, ihre Macht zu teilen oder Kinder zu bekommen – nur um nicht ein ähnliches Schicksal erleiden zu müssen. Sie bleibt jedoch, ungeachtet ihrer bemerkenswerten Amtsplanung und ihrer starken Sätze („Es wird hier am Hofe keine Herren geben und nur eine Herrin.“) nur Nebenfigur in dem neuen 400-Seiten-Schmöker.

Stattdessen rollt Kinkel den größten und historisch verbrieften Skandal des Jahres 1560 neu auf: den mysteriösen Tod der weitestgehend unbekannten Amy Robsart. Aus zwei Perspektiven nähert sich die Autorin der Geschichte: zum einen über Thomas Blount, der herausfinden muss, wie die Frau seines Herrn umgekommen ist – und zum anderen über Kat Ashley, die Gouvernante der Königin. Dass der Mann der Toten ein Günstling der Königin ist, der sich Hoffnungen auf ihre Hand macht und dass ihm seine Frau dabei im Weg stand, wird schnell klar. Doch Blount hat sich zu Amys Tod selbst einige Vorwürfe zu machen, während ihr tödlicher Treppensturz in Oxfordshire allmählich die Macht der Königin gefährdet.

Hochaktuelle Fragen

„Basis meiner Arbeit waren die Briefe, die Blount mit seinen Erkenntnissen zu diesem Fall an seinen Herrn schrieb“, erklärt Kinkel bei dem Spaziergang in Hampton Court. Auch ein Ölgemälde der Toten gibt es – doch die Helden des Romans, so wahr sie auch existiert haben, waren zu Lebzeiten nur Randexistenzen. Kinkel, die ihren neuen Pageturner mit schnellen Dialogen, authentischem Klassensnobismus und verzwickten Tändeleien spickt, kommt dies gerade recht: „Mich hat es fasziniert, eine noch unbeleuchtete, unerzählte Geschichte zu bieten.“

Anachronistisch ist Kinkel und sind ihre Fans mit ihrem Faible für Vergangenes keineswegs. Die Frage, ob Mächtige wahre Freunde haben können und ob sich Frauen und Männer auf dem Höhepunkt ihrer Macht das Gleiche herausnehmen dürfen, ist schließlich hochaktuell. Weil sie Herz und Kopf ihrer Leser ansprechen will, dürfte die Neuerscheinung nicht nur ihre Anhänger und Leser begeistern – auch Historiker wird Kinkels Theorie zum noch immer ungelösten Rätsel um Amy Robsarts Tod interessieren.

Jasmin Fischer

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