Das aktuelle Wetter NRW 11°C
Kultur

Wenn Wände weichen

11.06.2007 | 12:26 Uhr

Die Regisseurin Christine Mielitz liefert mit Giuseppe Verdis "Rigoletto" einen späten Saisonhöhepunkt.Noch eine Kraftanstrengung nach der Vollendung von Richard Wagners "Ring"

Dortmund. Nun sind Kritiker-Umfragen schon abgeschlossen. Und die späten Inszenierungen der Saison finden da keine Beachtung mehr. Christine Mielitz, die in ihrer Dortmunder Oper wirklich hart ums Publikum kämpfen muss und selbst mit ihrer Inszenierung von Wagners "Ring" das Haus nicht füllen konnte, setzt mit ihrer sehr intelligenten Deutung von Giuseppe Verdis "Rigoletto" einen starken Akzent zum Saisonausklang.

Was sich bereits in ihrem in dunklen Farben gehaltenen "Ring", der ja gerade bei "Siegfried" und "Götterdämmerung" mit interessanten Figurenzeichnungen nicht geizte, andeutete, zeigt sich auch hier: Die Mielitz liebt das Spiel mit der Bühnentechnik, was für optische Kurzweil sorgt und hier, bei Verdi, sehr sinnfällig Wesentliches erhellt: In diesem Drama, in dem ein Hofnarr seine Tochter vor der Welt versteckt und an den Schürzen jagenden Herzog verliert, geht es um Innenwelt und Außenwelt. Um Schein und Sein. Und letztlich darum, dass wahre Gefühle versteckt werden müssen.

Der Bühnenbildner Hartmut Schörghofer arbeitet mit mobilen Wänden, die sich - wie von Geisterhand gelenkt - aneinander vorbei bewegen und die man sich durchaus in einer Jahrhunderthalle vorstellen könnte. Sie öffnen den Raum und schließen ihn, sind Projektionsflächen für Häuser wie Wasser und schaffen in ihrer Transparenz sinnstiftende Durchblicke. Die von Rigoletto versteckte Gilda, die von der Spaßgesellschaft des Hofes entführte Gilda. Die Kneipe als Ort, an dem Rigoletto den Herzog ermorden lassen will und an dem sich Gilda opfert für diesen Nichtsnutz. Die Geschichte rückt nah an uns heran.

Und Christine Mielitz, die ja gerade ihre besondere Stärke bei sublimen Frauenporträts demonstrierte (etwa "Madame Butterfly" oder die Marie aus Bergs "Wozzeck") macht deutlich, dass Gilda nicht nur Opfer des herzlosen Herzogs ist, sondern letztlich auch ihres Vaters, der sie wie einen Vogel im Käfig halten will. Sylvia Koke spiegelt die Zerbrechlichkeit dieser Unwissenden auch stimmlich sehr differenziert. Ihr fragiler Sopran leuchtet innig, signalisiert gebrochene Lebenskraft.

Rigoletto ist ein junger, moderner Rigoletto unserer Zeit, in der Wahrhaftigkeit einem seelenlosen Zynismus weicht. Er ist ein Behinderter mit Beinschiene. Und Simon Neal, der stimmlich bei aller Expressivität eine Spur zu stark auf Pathos setzt, zeigt ihn in seiner Zerrissenheit. Der böse Entertainer am Hof, der liebevolle Vater. Ein Rollenspiel, das durch gesellschaftliche Abhängigkeit entsteht. Der Herzog - der Tenor Charles Kim hat für ihn die nötige, unforcierte Höhe, aber noch nicht das Charisma des schnöden Playboys - ist ein Mann, der Gefühle nicht zulassen kann.

Mit Verdi, dem Antipoden Wagners, kann man viel machen, wie uns Dietrich Hilsdorf lehrte. Die Mielitz, die geschickt mit Licht arbeitet und der Renate Schmitzer sehr beziehungsreiche Kostüme liefert, folgt nur in wenigen Momenten irgendeiner Mode. Sagen wir mal: Wenn die Gesellschaft, in der man hofft, dass das Leid immer die anderen trifft, sich dem Sport hingibt. Das ist ein szenischer Gag. Aber letztlich bleibt die Regisseurin, auch was den Mörder Sparafucile (stimmlich so finster wie darstellerisch: Ramaz Chikviladze) und seine Schwester Maddalena (eine eigene, durchaus erotische Farbe im trefflichen Ensemble: Franziska Rabl) betrifft, schnörkellos charakterscharf.

Der Kapellmeister Ekhart Wycik, der sich auch auf Granville Walkers zuverlässigen Chor stützen kann, dirigiert seinen Verdi vital federnd, nicht zu dick, vielleicht manchmal etwas pauschal. Die Philharmoniker im Graben lassen ihn nicht im Stich.

So ist dieser "Rigoletto" - zur Premiere war das Haus endlich mal gut besucht - ein Hoffnungsschimmer auch für die nächste Spielzeit. Die Oper lebt - und muss in Dortmund noch besser leben.

Karten: 0231/5027222

Von Michael >Stenger

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/1946058/create

Aktuelle Fotos und Videos
Schweden gewinnt ESC
Bildgalerie
Fotostrecke
Das 10. Rock Hard
Bildgalerie
Festival
Tanzhommage an Queen
Bildgalerie
Kultur Pur 2012
Musiker im ESC Finale
Bildgalerie
ESC 2012
Aus dem Ressort
Künstler wirft der Documenta-Leitung Zensur vor
Ausstellung
Streit um die Documenta in Kassel: Die evangelische Kirche wollte zur Documenta-Zeit vor einer Kirche ebenfalls Kunst zeigen. Dagegen wehrte sich die Documenta-Leitung - und muss sich nun den Vorwurf gefallen lassen, Zensur zu betreiben.
Türkischem Pianisten Fazil Say droht Haft wegen Tweet
Regierungskritiker
Dem bekanntem türkischen Pianisten Fazil Say drohen eineinhalb Jahre Haft. Say soll auf Twitter den Islam beleidigt haben. Die türkische Justiz ermittelt wegen des Verdachts auf Volksverhetzung. Say hat auch eine Verbindung nach NRW.