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Weltkleinstes Kino rollt durch England und hat acht Plätze

11.01.2013 | 17:12 Uhr
Weltkleinstes Kino rollt durch England und hat acht Plätze
Klein, aber Kino. Die Zwergen-Lichtspiele machen trotz ihrer Größe auch von außen einiges her.Foto: SolCinema

London.   Very british, diese Zwerg-Lichtspiele. Bei acht Besuchern proppevoll, aber natürlich gibt es Popcorn und Platzanweiser. Was dem umgebauten Wohnwagen an Größe fehlt, macht er durch Charme wett. Willkommen im Sol Cinema, Traumfabrik im Wohnwagen.

Wenn sich der Samtvorhang im „Sol Cinema“ öffnet, dann immer vor rappelvollen Rängen. Das geht auch gar nicht anders. Denn das kleinste Kino der Welt hat acht Sitze. Was dem umgebauten Wohnwagen an Größe fehlt, macht er durch Charme wett: Eine Gruppe von exzentrischen Walisern hat dieses Zwerg-Lichtspiel vollumfänglich mit Popcorn, Projektor und Platzanweiser ausgestattet – hereinspaziert!

Einmal blinzeln, schon hat man das Kino übersehen: Wie es da steht, geparkt im gewaltigen Schatten von Londons Barbican, einem riesigen Multifunktionskulturzentrum, wirkt das „Sol Cinema“ wie ein Gast vom anderen Stern. Auf dem Dach flackert und lockt eine altmodische Leuchtreklame, die Außenwände hat jemand liebevoll mit Backsteinmuster tapeziert. Vor der Kordel, am roten Teppich, stehen schon Neugierige kichernd Schlange – keine Frage: Im Königreich der Schrulligkeit gibt es keine Berührungsängste mit dem Filmpalast in XXXXXXS.

Die wenigsten Blockbuster-Ketten bieten ihren Zuschauern wohl so exklusive Sitzbänke (Foto: SolCinema)

Acht Plätze, aber mehr als hundert Gäste in „Saal 1“

Und, fast logisch: „Wir zeigen nur Kurzfilme“, erklärt Mitgründer Paul O’Connor, „so können an einem Nachmittag über hundert Gäste unser Kino besuchen.“ Auf sie wartet ein Erlebnis, das YouTube immer fehlen wird: Eine Platzanweiserin in Uniform, heute die 28-jährige Aelfwyn Shipdon aus Swansea, verkauft durchs Wagenfenster Tickets und Popcorn, dann schiebt sie eine Zwergentreppe vor die Tür. Wer den „Saal 1“ betritt, hält unweigerlich die Luft an: Dass auf den blauen Polsterplüschbänken tatsächlich acht Personen Platz finden, glaubt man erst, wenn eine Minute später alle bequem sitzen. Unter dem hintersten Rang verstaut Aelfwyn effizient das Popcorn, dann geht es los: Der rote Vorhang mit goldfarbenen Bommeln, reißt auf – Werbung. Dann zeigen sie einen Sechs-Minuten-Streifen über jugendliche Einwanderer in der Großstadt.

Ein simpler LED-Projektor wirft den Film auf die 1,20-Meter-Leinwand; das Gerät ist versteckt in einem Scheinwerfer aus den zwanziger Jahren. Auto-Lautsprecher sorgen für den Ton. Vier Akkus, die Energie aus zwei Solarpanelen ziehen, treiben das „Sol“ an. Grüne Technologie ist den Machern wichtig, also akzeptieren sie nur Kinowerbung von umweltfreundlichen Firmen. Und der Solarstrom macht unabhängig: „Wir können überall Filme zeigen, selbst im Wald oder in Orten ohne Stromanschluss“, sagt Paul O’Connor.

Traumziel: Kontinental-Tour durch Deutschland und Frankreich

Seit drei Jahren bringen sie ihr fahrendes Lichtspielhaus zum Publikum – das „Sol“ taucht am Rande schlammiger Rock-Festivals auf, in Innenstädten oder neben der Champagnerbar von illustren Konzerten. Und die Reaktionen sind überall ähnlich: Wo immer dieses Kino auch parkt, geht Passanten das Herz auf. „Die Winzigkeit fasziniert die Menschen“, versucht sich Joe Furlong an einer Erklärung.

Die Leinwand wird stilecht vom roten Vorhang umrahmt. (Foto: SolCinema)

Er hat den Eurocamper, ursprünglich 1965 als Anhänger für den Mini gebaut, zum Filmtheater umgewandelt. Die Ränge sind aus Latten gezimmert, die Zirkusstoffe maßgeschneidert. „Kinder sind hin und weg, wenn sie uns sehen“, lächelt Furlong, „Romantiker sowieso.“ Erwachsene werden nostalgisch, weil der alte Anhänger sie an die Campingurlaube ihrer Kindheit erinnert. Und Jugendliche haben so ihre eigenen Ideen: „Bei einem Karaoke-Abend hat letztens der ganze Wagen vor Lachen gewackelt.“

Die Freude, die das charmante Kinomobil produziert, lässt das Duo aus Wales nach mehr streben: O’Connor und Furlong überlegen, ihre Idee von „Kultur auf Rädern“ in Serienproduktion zu schicken. Klein und fein soll das Projekt aber immer bleiben. „Es gibt auch Kinos in großen Lkw-Anhängern“, sagt Furlong, „aber da würde uns der Spaß und die Kürze fehlen. Und die Abgedrehtheit.“ Nächstes Traumziel für den Mini-Filmpalast: Eine Kontinental-Tour durch Deutschland und Frankreich.

Jasmin Fischer



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