Weit mehr als nur ein Kriminalroman

Hagen..  Rein formal handelt es sich „nur“ um einen Kriminalroman. Doch das Buch „Geheimer Ort“ von Tana French ist mehr. Weit mehr. Es ist ein mitreißender Psychotrip durch die Seelen junger, pubertierender Mädchen.

Ein Mord ist geschehen, und der liegt schon ein gutes Jahr zurück. Der Täter wurde bislang nicht gefunden. Doch nun gibt es einen neuen Hinweis auf einem anonymen Zettel, und der Fall wird wieder aufgerollt. Tat- und Ermittlungsort ist ein vornehmes Mädchen-Internat, das Mordopfer stammt von der benachbarten Jungen-Schule.

Zwei konkurrierende Cliquen

So weit die inhaltlichen Voraussetzungen, die Tana French in ihrem 5. Krimi zu einem ganz besonderen Leseerlebnis verarbeitet. Ausgiebig hat sich die gebürtige Amerikanerin, die heute in Irland lebt, mit dem Denken und Sprechen von Teenagern vertraut gemacht. Sie hat ihr heranwachsendes Miteinander zum Beispiel an Bushaltestellen, in Geschäften und auf Partys beobachtet und buchstäblich abgelauscht.

Das Ergebnis ist ein unglaublich authentischer Roman geworden, dessen Dialoge so unmittelbar aus der Wirklichkeit zu treten scheinen, dass es einen schier gruseln kann.

Denken, reden, handeln. Diesen Dreischritt verfolgt Tana French am Beispiel von acht verdächtigen Mädchen, die sich wiederum in zwei gegensätzliche und bis aufs Blut konkurrierende Cliquen aufteilen. Zwei Polizeidetektive nehmen die schillernden Charaktere wieder und wieder ins Verhör. Dazwischen gibt es Rückblenden, die die letzten Wochen und Monate vor dem Mord näher und näher zum dramatischen Ende bringen.

Die eigentliche Ermittlungsarbeit dauert schließlich nur einen Tag, doch darin spiegeln sich Sorgen und Nöte, Hoffnungen und Freuden einer jungen Generation, die sich atemlos auf der Suche nach Sinn und Liebe im Leben befindet.

Eine doppelte Chiffre

Für Eltern pubertierender Mädchen könnte diese Lektüre eine wahre Schatzgrube der Erkenntnis sein. Sprachmuster werden deutlich, die vielen Erwachsenen fremd und irritierend sind. Tana French gelingt es grandios, sich in die Gedankenwelt von 15-Jährigen hineinzuversetzen und dabei auch ihre so ganz eigene Ausdrucksfähigkeit zu übernehmen.

Der Titel „Geheimer Ort“ wird zu einer doppelten Chiffre. Vordergründig nimmt er Bezug auf das erzählte Geschehen, hintergründig verweist er auf die sehr spezifische und auch bizarre Welt von Menschen, die nicht mehr Kinder und noch nicht Erwachsene sind.

Tana French:

Geheimer Ort.

Scherz Verlag

700 S., 14,99 Euro