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Wawerzineks „Rabenliebe“ - Schnee, der auf Seelen fällt

18.08.2010 | 17:25 Uhr
Wawerzineks „Rabenliebe“ - Schnee, der auf Seelen fällt
Peter Wawerzinek. Foto: Reuters

Essen.Peter Wawerzineks autobiografischer Roman „Rabenliebe“ erzählt von der unerfüllten Sehnsucht eines Sohnes, von familiärer Verwahrlosung und einem bis heute nicht bewältigten Leben in den Kinderheimen der DDR. Dafür bekam er den Bachmann-Preis.

Das Wort kommt ihm nicht über die Lippen. Der 55-jährige Autor redet von „der Begegnung”. Er redet davon, dass er „nur mal die Hand geben” wollte, „das verzeihende Element sein”; doch seinen Sätzen fehlt das Objekt. Erst nach einer langen Weile spricht Peter Wawerzinek sie aus, diese zwei Silben, die die große Leerstelle seines Lebens bezeichnen – „Mutter”.

Wawerzineks autobiografischer Roman „Rabenliebe”, der Donnerstag erscheint, erhielt im Sommer den Ingeborg-Bachmann-Preis sowie den Publikumspreis des Klagenfurter Wettbewerbs; bei der Preisübergabe war die Laudatorin zu Tränen gerührt. Tatsächlich verführt dieses Buch zur ganz großen Gefühligkeit. Es rührt an die Wiege des Menschseins, die Sehnsucht nach Sicherheit, Geborgenheit, Liebe. Im sprunghaften Wechsel zwischen kühler Prosa, Kinderreimen, Gedichten und Zeitungsmeldungen von vernachlässigten Kindern entwirft Wawerzinek das Bild seiner eigenen, gebrochenen Biografie.

Die Mutter verließ ihn für immer

Als der Autor zwei Jahre alt war, im Jahr 1956, verließ seine Mutter ihn und die vier Jahre ältere Schwester für immer. Ließ die Kinder zurück in einer verwahrlosten Rostocker Wohnung, floh in den Westen. „Vor wenigen Tagen erst habe ich von Leuten aus dem Fürsorgeamt erfahren, dass sie dies als schlimmsten Fall von Verwahrlosung der damaligen Zeit erinnern. Ich sei voller Ekzeme gewesen”, sagt Wawerzinek. Er selbst weiß nichts mehr von diesem Tag. Sein Lebensroman beginnt mit diesem Satz: „Schnee ist das Erste, woran ich mich erinnere.” Das ist auch ein psychologisches Bild. Wawerzinek beschreibt sich als „das ewige Winterkind”, schreibt: „Es ist so oft Winter in meinem Kopf.”

Wawerzinek wuchs auf in verschiedenen Kinderheimen der DDR; erst mit 14 lernte er die Schwester kennen. Zweimal nahmen ihn Menschen zu sich, zweimal gaben sie ihn zurück. „Sie nehmen mich her, um mich zu testen, mit mir ein seelisches Casting abzuhalten”, beschreibt er die „Fleischbeschau”. Das „wehe Herzkind” richtet sich ein im Heim, leidet es auch „am Verlust weiblicher Wärme”. Die spät noch glückende Adoption durch ein Lehrerpaar ist keine glückliche: „Ich wurde in die vier Jahre der Adoption gezwungen”, schreibt er. „Ich klage ein, von meiner Adoptionsmutter aus egoistischen Gründen für erzieherische Versuche missbraucht worden zu sein.”

So bleibt die mütterliche Leerstelle ein Phantomschmerz, ein Leben lang. Als junger Grenzsoldat denkt Wawerzinek an eine Flucht zur Mutter, sie scheitert schon im Ansatz. Warum wartete er bis vor wenigen Jahren, die Begegnung endlich zu suchen? „Mir hat der Mut gefehlt,” sagt er.

Schutzschild Literatur

Tatsächlich bleibt es bei einer einzigen, enttäuschenden Begegnung: „An ihrer Schande ist nichts gut- und wieder wettzumachen.” Dennoch sei „eine kleine Jubelstimmung” in ihm gewesen. Acht Halbgeschwister lernte er kennen, deren „eigene Dramen” ihm einen seltsamen Gedanken nahelegten: „Gottseidank bin ich zurückgelassen worden, und nicht ältester Bruder in dieser Familie gewesen.” Damit endet Wawerzineks Muttersehnsucht, damit endet sein Lebensroman. Damit beginnt, vielleicht, eine Debatte, angestoßen von vielen Vorwürfen: Gegen den Westen, der mit seinen Verheißungen die Mutter lockte. Gegen jene im Osten, die Kinderrechte missachteten. Gegen alle, die heute Kindern Leid antun. Wawerzinek stößt uns auf die empfindlichste Schwachstelle unserer Gesellschaft, die doch so sozial zu sein glaubt: Er erzählt vom „Drama eines Kindes, das sich nicht wehren kann.”

Möglichen Abwehrreaktionen begegnet der Autor unter dem Schutzschild der Literatur. Wawerzinek beschreibt radikal subjektiv seine eigenen Erinnerungen und Empfindungen. Er erkennt bereits im Buch, dass er manches offenbar falsch erinnerte – und geht im Gespräch davon aus, dass „noch mehr Dinge aufgeklärt werden, wo ich mich getäuscht habe.” Um objektive, historische deutsch-deutsche Wahrheiten geht es ihm also nicht. Sondern? „Ich dachte, wenn ich mich exemplarisch ausstelle, mich hineinbegebe in die eigene Biografie, könnte ich anderen Mut machen. Dass Leute das lesen, ihren inneren verschlossenen Kasten aufmachen, das Vögelchen flattern lassen.

Britta Heidemann

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