Was uns noch heilig sein sollte

Auch in Zeiten von Selfies und Handy-Videos gibt es noch Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis brennen. Womöglich aber werden die historischen Dimensionen – eines elften Septembers in New York, eines siebten Januars in Paris – heute unterspült von der digitalen Fotoflut, die ihnen folgt.

Im Bildband-Verlag Schirmer/Mosel erscheinen, 70 Jahre danach, Fotos aus dem Jahr 1945, oft aufgenommen von namhaften Kamerakünstlern: Häftlinge im KZ Buchenwald und der Atombombenpilz über Nagasaki. Die flaggehissenden Soldaten in Iwo Jima – und Hitler, der Volkssturmkämpfer ehrt. Eine wilde Mischung von Eindrücken. Das Leben selbst ist ja so, könnte man argumentieren. Der Titel des Buches aber verrät eine Unbekümmertheit, die erschreckt: „1945 – Ikonen eines Jahres“.

Ikonen? Heiligenbilder? Oder gar, etwas weltlicher: Idole? So verfehlt scheint diese Einordnung, dass man sich wünscht: Wären uns manche Bilder, die in sich Schrecken und Tod eines ganzen Jahrhunderts bergen, doch tatsächlich heilig – unantastbar, unverrückbar aus den Fängen der Alltagskultur befreit.