Was in den Sternen steht

Jan Himmelfarb im Bochumer Café Tucholsky.
Jan Himmelfarb im Bochumer Café Tucholsky.
Foto: Volker Hartmann
Was wir bereits wissen
Der Bochumer Jan Himmelfarb legt mit „Sterndeutung“ sein Romandebüt vor: eine jüdische Familiengeschichte über drei Generationen.

Bochum..  Arthur Segal wird am 17. Oktober 1941 geboren, im verdunkelten Zugabteil eines sowjetischen Flüchtlingstransports zwischen Charkow und Stalingrad. Er sieht keinen einzigen Stern am Himmel. Aber tausend Sterne folgen in einem anderen Zug auf gleicher Strecke. Der fährt von Prag nach Lodz und transportiert Juden. Und wie im Rhythmus der Waggons denkt der Neugeborene: „Wenn dieser Zug mein Himmel war... wenn diese Gestirne meine Wegweiser waren...“

Jan Himmelfarb wurde 1985 in der Ukraine geboren; als er sieben Jahre alt war, wanderten seine Eltern aus: nach Bochum. Im Café Tucholsky sitzt er nun in Turnschuhen und Pullover und bestellt eine Cola, ein unbeschwert wirkender junger Mann, dem man das straffe Pensum der vergangenen Jahre nicht ansieht. Neben dem Betriebswirtschaftsstudium an einer Privatuniversität hat er einen 400-Seiten-Roman geschrieben, der vom Holocaust erzählt und von einer jüdischen Familie, die in den 90er-Jahren aus der Ukraine ins Ruhrgebiet kommt. Nun ist er nicht nur Projektleiter in einer großen Revierfirma, sondern (unter himmlischem Pseudonym) auch Schriftsteller: „Sterndeutung“ heißt sein Debüt.

Eine Art Doppelleben also. Eines, wie auch Arthur Segal es führt. Im Roman begegnen wir ihm einen Tag vor seinem 51. Geburtstag. Im Kreise der Familie und Freunde wird er gefeiert als derjenige, der es geschafft hat, der auch im neuen Land im alten Beruf tätig sein darf – als Übersetzer. Heimlich aber schreibt er die Geschichte seiner Familie auf, über die Mutter und Großmutter ihm nur verraten wollen: „Schwer war das Leben und traurig.“

Jüdischsein als Nationalität

Beim Recherchieren und Schreiben, sagt Jan Himmelfarb, habe er selbst „eine große Spannung“ gespürt: „Einerseits lese ich darüber, was Deutsche Juden angetan haben. Andererseits lebt man in Deutschland und alles ist gut.“ Gut? „Im Vergleich zur Judenvernichtung.“ Eine kurze Pause, ein Schluck Cola. „Natürlich sind auch sehr hässliche Dinge passiert in den vergangenen 20 Jahren.“ Und die aktuelle Situation? „Wenn ich mich in Deutschland nicht mehr wohl fühlen sollte – wo soll ich mich dann wohl fühlen? Hier bin ich aufgewachsen“, sagt der 29-Jährige. „Und wenn man hierher kommt, wenn man sich anstrengt und Mühe gibt, dann bekommt man viele Möglichkeiten, sich ein Leben aufzubauen. Jetzt klinge ich wie ein Amerikaner, oder?“ Jan Himmelfarb lacht. Sein Vater war in der Ukraine Elektroingenieur und in Deutschland nur als Elektriker tätig – und hat hier doch mehr verdient als je in der Heimat.

Wobei sich die Familie nie ukrainisch gefühlt hat. „Für uns ist das Jüdischsein in erster Linie nicht Religion, sondern eine Art Nationalität. Ich weiß, dass dieses Konzept in Deutschland Irritationen verursacht.“

Was ihn getrieben hat, über die Judenverfolgung zu schreiben, ein junger Autor, der fest im Berufsleben steht, der nach vorne schaut? „Ich kam von dem Thema einfach nicht los.“ In einer Zeit, in der es die unmittelbare Erinnerung kaum noch gibt, müssten sich Autoren fragen: Welcher Art muss die Erinnerung dann sein?

Himmelfarbs Antwort ist ein üppiger Familienroman mit Ausflügen in den magischen Realismus an jenen Stellen, die die Vergangenheit fühlbar machen sollen und zugleich die Fragwürdigkeit jeglicher Erinnerung ausloten. Lebendig wird sein Werk vor allem, wenn er die täglichen Nöte einer Einwandererfamilie beschreibt, die viel Wert darauf legt, in einem deutschen Viertel zu wohnen, sich anzupassen, anzukommen. Deren erstes Auto ein roter Opel Kadett ist, dreieinhalbtausend Mark hat er gekostet; das kann Arthur Segal sich leisten, weil er jetzt selbst mit Autos handelt, da verdient er mehr als mit den Übersetzungen. Arthur Segal ist einer, der seine Geschichte selbst schreiben will – in Vergangenheit und Zukunft.

Auch sein nächstes Werk, verrät Himmelfarb, wird sich mit den Tücken des Gedächtnisses befassen. Nur unter umgekehrten Vorzeichen, einem Perspektivwechsel. Denn eine Frage interessiert ihn noch immer sehr: „Wie die Täter sich erinnern können. Oder eben nicht erinnern können.“