Was der Staat in unseren Schlafzimmern treibt

Musikfans auf einer Wiese während eines Open Air Festivals in Hamburg 1970. In der DDR herrschte zur gleichen Zeit eine andere Sexualmoral.
Musikfans auf einer Wiese während eines Open Air Festivals in Hamburg 1970. In der DDR herrschte zur gleichen Zeit eine andere Sexualmoral.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Wie bestimmten Politik und gesellschaftliche Stimmungen das Intimleben der Deutschen hüben und drüben? Das fragt eine Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn.

Bonn.. Die Liebe, auch die körperliche, ist immer individuell und einzigartig. Oder? Was der Staat in unseren Betten treibt, wie Gesinnungswandel und Stellungswechsel sich möglicherweise bedingen, das hinterfragt die Ausstellung „Schamlos? Sexualmoral im Wandel“ (bis zum 14. Februar 2016) im Bonner Haus der Geschichte: mit einer Zeitreise durch den historischen Laborversuch des geteilten Deutschland.

Frau sein in den 50er-Jahren in Deutschland, das ist etwas ganz anderes als Frau sein in den 50er-Jahren in Deutschland. „Eine wirkliche Gleichberechtigung der Frau“ sah in der DDR Walter Ulbricht erst dann erreicht, wenn sie „imstande ist, eine gesellschaftlich nützliche Arbeit zu leisten“. „Mutterberuf ist Hauptberuf und hat höheren Wert als jeder Erwerbsberuf“, fand hingegen Familienminister Wuermeling im Westen – in einem Westen, in dem Frauen ja über Jahrzehnte hinweg dann deutlich später, zögerlicher den Bund der Ehe eingingen. Erst in dieser Gegenüberstellung geht vielleicht so richtig auf, dass eine Alice Schwarzer im Osten niemals Karriere gemacht hätte: Und so ist die lila Latzhose ein rein westliches Schau-Stück.

Andererseits ist auch eine Beate Uhse jenseits der Grenze kaum vorstellbar. Heftchen, die über natürliche Verhütung aufklären, waren einst der Grundstein ihres erotischen Imperiums. Hoch willkommen in einer Bundesrepublik, die noch 1960 Kondomautomaten verbietet – welche in der DDR längst eine Selbstverständlichkeit waren.

"Wovon sollen die sonst leben?"

Nicht frühe Gleichberechtigung und relative Freizügigkeit, spätestens an den FFK-Sränden der Nation, waren jedoch der Grund, dass in der DDR Intimes sehr viel seltener öffentlich debatiert wurde: Der restriktive Charakter des Regimes hat wilde Make-Love-Happenings wie von selbst verboten. Auch Homosexualität wurde zwar Ende der 60er in beiden Deutschlands straffrei lebbar. Doch während im Westen die Schwulenbewegung gegen Franz-Josef Strauß („Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder“) mobil machte, musste man im Osten nach Regenbogenfarben vergeblich Ausschau halten.

Ausstellung Pornografie gab es ebenfalls nicht in der DDR. Deshalb waren die Streifen, die unter der Hand selbstverständlich erhältlich waren, entweder Marke Heimkino oder Made im Westen. Ähnlich doppelmoralig ging die SED mit Prostituierten um. Huren, die für ihr „asoziales Verhalten“ natürlich ins Gefängnis gehörten, bot der Staat ein Hintertürchen: Und setzte sie etwa zu Messezeiten auf westliche Geschäftsreisende an.

Drüben die „Honigfallen“, hüben Rosemarie Nitribitt: die Schau zeigt auch eine Visitenkarte und einen persönlichen Brief von Harald von Bohlen und Halbach, „einen Kuss und hoffentlich die richtigen Blumen...“

Heute, im fleißig sich vereinigenden Deutschland, macht das Prostitutionsgewerbe 14,6 Milliarden Euro Umsatz jährlich – „beinahe so viel wie das deutsche Tankstellennetz“, informiert die Schau. Fast jeder fünfte Mann bezahlt regelmäßig dafür, Sex haben zu dürfen. Prostitution zulassen oder verbieten?, fragt ein Schild, das zur Abstimmung einlädt. Vor wenigen Tagen noch stand es 46. 050 zu 27. 563, und die drei jungen Frauen, die die Stimmen pro Prostitution auf 46 .053 trieben, waren sich einig: „Ja, wovon sollen die sonst leben?“ „Tut doch keinem weh.“ „Ist auch nur ein Job.“

Erotische Konsumkultur

Diese Abgeklärtheit passt natürlich gut in eine Zeit, in der YouPorn-Gucken und „Shades-of-Grey“-Lesen Teil der erotischen Konsumkultur sind. Letztlich überlässt die Bonner Schau die Beantwortung der Frage, welche Zeit, welche Politik in welcher Form auf das deutsch-deutsche Sexleben wirkte, der Fantasie der Besucher – und entlässt sie durch einen neckischen roten Troddel-Vorhang.

Allein ein Interview des (ost-)deutschen Sexualwissenschaftlers Kurt Starke im Museumsmagazin erlaubt einen Blick durchs Schlüsselloch und stimmt vorsichtig optimistisch. Denn etwas hat sich nicht verändert: „Es sind nach wie vor um die 90 Prozent, die an die große Liebe und den richtigen Partner fürs Leben glauben.“ Im Osten. Und im Westen.

Die Hoffnung, sie ist unverwüstlich. Und unser Liebesleben vielleicht doch unabhängiger von äußeren Einflüssen, als wir zu hoffen wagten.

„Schamlos? Sexualmoral im Wandel“ bis zum 14. Februar 2016 im Haus der Geschichte in Bonn, Willy-Brandt-Allee 14; Di.-Fr. 9-19 Uhr, Sa., So. und an Feiertagen 10-18 Uhr. Der Eintritt ist frei.