Das aktuelle Wetter NRW 13°C
Mythos

Warum wir selbst gern moderne Vampire wären

29.10.2010 | 15:24 Uhr
Warum wir selbst gern moderne Vampire wären

Essen. Der Vampir-Mythos entspringt den Tiefen der menschlichen Seele. Der moderne Untote ist so, wie wir gerne wären. Das sagt einer, der es wissen muss: Rainer Maria Köppl bezeichnet sich selbst Vampirologe.

Zwei spitze Zähne, ein schwarzes Cape: Das sind global gültige Zeichen. Am 31. Oktober, wenn die Welt ein einziger grinsender Kürbis ist, werden wir wieder heftig mit dieser nicht tot zu kriegenden Fiktion flirten – biss zum Abwinken. Dabei sind wir doch selbst: Vampire.

Der Österreicher Rainer Maria Köppl, Jahrgang 1958, ist Professor für Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Uni Wien. Er selbst nennt sich Vampirologe. Das Thema hat er quasi von Kindheit an am Hals: In seinem neuen Buch beschreibt er, wie seine Mutter ihn mit Knoblauchzehen-Ketten gegen das Böse zu schützen suchte. Das prägt.

Köppl erzählt die Geschichte der Vampire und ihrer Mythen: Bis ins späte 18. Jahrhundert hinein waren viele überzeugt, dass es Untote gibt. Es wurden gar Gräber geöffnet, um Leichen zu pfählen. Erste Vampir-Fiktionen finden sich bei Homer. Der Hype aber begann 1816, als Lord Byron und sein Leibarzt den Vampir Lord Ruthven erfanden. Es folgten Bühnenstücke, Opern gar. 1897 schließlich schrieb Bram Stoker „Dracula”.

Der Bankster als Blutsauger

Warum sind die Fabelwesen so faszinierend? Waren es früher Adelige, deren Gier karikiert wurde, zielte die jüngste psychologische Erklärung ab auf die Finanzkrise: der Bankster als Blutsauger. Dann ist da noch die Erotik des Ganzen: Wenn er ihr seine Zähne ins Fleisch schlägt, braucht es kaum das Wort „Eindringen”, um Assoziationen zu wecken.

Für den aktuellen Boom aber hat Köppl zwei Erklärungen, die zeigen, dass Vampire uns näher sind als je zuvor – und moralisch überlegen. Zum einen prägte in den USA der Bush-Ära Angst das Klima: vor Terroristen, aber auch vor der eigenen Regierung. Eine Zeitschrift zeigte den US-Präsidenten als Vampir, der die Freiheitsstatue aussaugt!

Furcht, Vorurteile, Kulturkämpfe – all das findet sich in der Serie „True Blood”, in der Vampire als „gesetzlich anerkannte Untote” unter den Menschen leben. Und nicht mehr Lord Sowieso, sondern Bill heißen. Sie sind wie wir!

Zum anderen seien heutige Vampire, wie etwa jene der Twilight-Saga, „Projektionsflächen für pubertäre Sehnsüchte”. Beide Serien greifen ja das Romeo-und-Julia-Konzept auf: „In einer aufgeklärten Gesellschaft ist die Liebe zwischen Mensch und Vampir die vielleicht einzige noch mögliche romantisch-tragische Liebesgeschichte”, so Köppl.

Und: Beide Stories zeigen Vampire als machtvolle Super-Wesen, die ihre Sucht beherrschen. In „True Blood” trinken Vampire gar künstliches Blut. Dafür erinnern sich Menschen an frühkindliche Säugetier-Erlebnisse – und saugen ihrerseits Vampire aus, allein des herrlichen Blutrausches wegen.

Britta Heidemann


Kommentare
30.10.2010
15:52
Warum wir selbst gern moderne Vampire wären
von Neuer Ordner | #1

Baldeney See?

http://ramascreen.com/wp-content/uploads/2010/04/Eclipse2.jpg

Aus dem Ressort
Philharmonie-Chef verabschiedet sich bei NRW-Sommernacht
Konzert
Es wird der letzte Konzertabend von Generalmusikdirektor Heiko Mathias Förster in Gelsenkirchen werden. Bei der NRW-Sommernacht 2014 am 20. August im Amphitheater am Rhein-Herne-Kanal wird er sich mit einem außergewöhnlichen Konzertabend verabschieden.
Hersfelder Ensemble stellt sich hinter seinen Ex-Intendanten
Festspiele
Nach einem Streit um mehrere Hunderttausend Euro hat die Stadt den Intendanten der Bad Hersfelder Festspiele rausgeworfen. Das Ensemble und zwei Intendanten fordern die Rücknahme der Kündigung. Ein vom Ensemble angekündigtes Bürgerbegehren wird es nicht geben.
Hagener schreibt Buch über die Geschichte der Auswanderer
Spätaussiedler
Er ist vor 21 Jahren als Spätaussiedler aus Russland nach Hagen-Helfe gekommen. Jetzt hat Erwin Hoffmann die Geschichte seiner Familie und die anderer Auswanderer in einem Buch beleuchtet. Der Titel: „Wanderer – Auf der Suche nach dem gelobten Land“.
Mülheimerin kämpfte für die Kultur im Osten Deutschlands
Auszeichnung
Als Kulturredakteurin der Thüringer Allgemeinen hatte die gebürtige Mülheimerin Frauke Adrians einen großen Anteil daran hatte, dass mehrere Theater und Orchester in dem ostdeutschen Bundesland erhalten blieben. Dafür und für die Leistungen als Kritikerin erhielt sie den Journalistenpreis Thüringen.
Jugendliche aus Witten schrieben am Ruhrpott-Kettenroman mit
Roman
66 Jugendliche aus dem Ruhrgebiet haben gemeinsam den Kettenroman „Grenzgänger“ verfasst. Die Handlung beginnt in Witten und verläuft durch sechs weitere Städte im „Pott“. 13 Jugendliche aus der Ruhrstadt haben über drei ganz besondere Orte in ihrer Stadt geschrieben.
Umfrage
Neue Runde in der Affäre Schavan: Norbert Lammert sagt seine Rede an der Uni Düsseldorf ab. Ist das angemessen als Bundestagspräsident?

Neue Runde in der Affäre Schavan: Norbert Lammert sagt seine Rede an der Uni Düsseldorf ab. Ist das angemessen als Bundestagspräsident?