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Warum sich ein Besuch der Documenta 13 auch auf den letzten Drücker noch lohnt

11.09.2012 | 18:15 Uhr
Noch bis Sonntag, 16. September, ist die Documenta in Kassel geöffnet.Foto: Thomas Richter

Kassel.  Die „documenta 13“ ist auf die Zielgerade eingebogen: Nur noch bis Sonntag können alle Kulturinteressierten die Ausstellung für sich entdecken. Auf einem Rundgang kurz vor Toresschluss hat Redakteur Thomas Richter hautnah erlebt, warum sich ein Besuch auch auf den allerletzten Drücker noch lohnt.

9.50 Uhr. Das selbst gesteckte Ziel ist ein anspruchsvolles: die „documenta 13“ an einem einzigen Tag zu erkunden. Was im ersten Moment wie eine locker lösbare Aufgabe erscheint, ist bei genauerem Hinsehen ein schwer zu bewältigender Kultur-Marathon. Schließlich gilt es auf dem Rundgang durch die erweiterte Kasseler Innenstadt 29 (!) verschiedene Spielorte abzuklappern. Um das zu schaffen, bleibt ein Zeitfenster von exakt zehn Stunden. Auf geht’s!

Punkt 10.00 Uhr. Auf die Sekunde genau zur offiziellen Öffnungszeit erscheine ich am Gebäude Spohrstraße 7. Einer der netten Helfer, denen ein rotes Plastikschild am Bande um den Hals baumelt, hatte mir eine pünktliche Ankunft empfohlen. Denn die Kreidezeichnungen von Tacita Dean hatten im Laufe der drei zurückliegenden „documenta“-Monate ihren Zuschauerstatus stets verändert: Er reichte von der „ignorierten Schönheit“ und dem langsam daraus erwachenden „Geheimtipp“ bis hin zum heutigen „Publikumsknüller“.

Die Documenta 13

Und obwohl ich so früh vor Ort bin, heißt es: Schlange stehen! Rund 20 Neugierige stehen bereits vor mir. Sie dürfen nur tröpfchenweise die Treppe nach oben zu den Räumen des ehemaligen Finanzamtes erklimmen. „Es dürfen sich höchstens zwölf Gäste gleichzeitig dort aufhalten, wegen der Kunstwerke“, erklärt die junge Frau, die den Einlass steuert. Nach 20 Minuten des Ausharrens darf ich passieren. Oben angekommen, fallen sofort jene breitformatigen Tafeln ins Auge. Der Betrachter erstarrt im Anblick der mächtigen Bergmassive, die sich da vor ihm auftürmen. Alle gezeichnet mit simpler Kreide. Aber derart realistisch, als ob da die echten schneebedeckten Alpen am Horizont auftauchen. Fünf Minuten Staunen. Weiter geht’s!

10.35 Uhr. Ankunft am Hauptbahnhof. Süd- und Nordflügel werden dort gleichermaßen bespielt. Hier wartet die erste Kostprobe, dass Kunst nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar sein kann. Eine Klanginstallation zerrt aber nach Sekunden derart an den Nerven, dass ein Fluchtinstinkt einsetzt. Bloß weg hier!

10.50 Uhr. Die Handwerkskammer liegt quasi „um die Ecke“. Auch dort gibt’s was auf die Ohren. Diesmal per Kopfhörer. Die verlesenen Texte berühren aber nur bedingt. Und da ja eh das Schwert des Zeitdrucks permanent über meinem Kopf baumelt, reichen mir auch hier nur flüchtige Eindrücke.

Ausstellung
documenta 13 bei Besuchern weiter hoch in der Gunst

Die Veranstalter der Kasseler Kunstausstellung "documenta 13" erwarten einen Besucherrekord. Die diesjährige Ausstellung hat nach Ansicht des Geschäftsführers Maßstäbe gesetzt. Insgesamt habe man allein rund 12.500 Dauerkarten abgesetzt.

11.05 Uhr. Die Treppenstraße, die ihren Namen wahrlich verdient hat, führt unzählige Stufen hinab zum Friedrichsplatz – wenn man so will, die Herzkammer einer jeden „documenta“. Hier liegt das Museum Fridericianum. Darin soll das Ausstellungsleben stets am Anspruchsvollsten pulsieren. Die Schlange der Einlassbegehrenden hat erschütternde Ausmaße. Irgendwann endet aber auch diese Geduldsprobe. Endlich eintreten. Direkt hinüber zu einem der Riesensäle. Und darin wartet – fast nichts! Außer einer einsamen Vitrine. Und einem kalten Windhauch! Der hat sich nicht durch ein offen stehendes Fenster den Weg ins Innere der Halle gebahnt, sondern ist künstlich erschaffen. Ein Hauch von Nichts!

12.20 Uhr. Ich entscheide mich zu einem Taktikwechsel. Ich will gar nicht mehr alles sehen, sondern fokussiere mich vorerst auf das wirklich Spannende: die vielen Menschen aus aller Welt, die hier mit dem grünen „documenta“-Katalog unter dem Arm geklemmt durch die Straßen ziehen. Im Stimmengewirr lassen sich nahezu alle existenten Sprachen aufschnappen. Und alle, wirklich alle, sind mit einer Grundgelassenheit ausgestattet, die ihresgleichen sucht.

Documenta 13 in Kassel

Kein Wunder, dass diese kollektive Entspanntheit fruchtbarster Nährboden für anregende Gespräche ist. Meistens auf Englisch, denn das sprechen oder zumindest verstehen die meisten. Und plötzlich kribbelt mitten in Kassel ein Metropolengefühl angenehm in der Magengegend. Und ein Wir-Gefühl. Wir – die „documenta“-Besucher. Fühlt sich an wie sonst nur bei Olympischen Spielen. Begegnungen ohne Ende von Menschen, die manchmal zwar nicht die gleiche Sprache sprechen, sich aber dennoch bestens verstehen. Wunderbar!

20 Uhr. Einige Ausstellungsorte habe ich dann doch noch geschafft. Darunter eindrucksvolle wie der Bunker unter dem Weinberg, die Orangerie, die Neue Galerie oder die „documenta“-Halle. Ich bin körperlich geschafft, ermüdet, erschöpft. Doch innerlich dafür noch völlig aufgedreht. Dieser Tag bleibt im Gedächtnis haften. Und im Herzen. Wegen der teils unsichtbaren Kunst. Aber noch mehr wegen der Erinnerungen an die Menschen aus aller Welt.

Danke dafür, „documenta 13“!

Thomas Richter



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