Warum Julianne Moore bei den Oscars 2015 ausgezeichnet werden sollte

Schauspielerin Julianne Moore ist für ihre Rolle im Film „Still Alice“ als an Alzheimer erkrankte Professorin Dr. Alice Howland für einen Oscar nominiert.
Schauspielerin Julianne Moore ist für ihre Rolle im Film „Still Alice“ als an Alzheimer erkrankte Professorin Dr. Alice Howland für einen Oscar nominiert.
Foto: imago (Archivbild)
Was wir bereits wissen
Die Filme "Birdman“ und "Sniper“ werden als große Kandidaten bei der anstehenden Oscar-Verleihung gehandelt. Vielleicht berücksichtigt die Jury aber auch Schauspielerin Julianne Moore, die für ihre Rolle als Alzheimer-Patientin sicher einen Oscar verdient hätte.

Washington.. Linguistik-Professorin, Mutter dreier Kinder, attraktiv, humorvoll, allseits beliebt und geachtet: Alice Howland lebt das Leben einer blitzgescheiten Powerfrau. Bis ihr das Schicksal einen riesigen Prüfstein in die Biografie knallt. Alzheimer. Genetisch bedingt. Dabei ist sie doch erst 50.

Julianne Moore (54) spielt diese Frau, deren Ich allmählich aufgefressen wird, in „Still Alice“ mit einer würdevollen Verwundbarkeit, die so viele Abgründe und Seelenschmerz offenbart, wie es vor einer Kamera überhaupt nur denkbar ist.

Amerikas teuerste Volkskrankheit – fünf Millionen Betroffene, 200 Milliarden Dollar Behandlungskosten pro Jahr – bekommt in diesem von Sommersprossen übersäten, naturblassen Gesicht Züge, in denen sich jeder erkennt.

Und Julianne Moore am Sonntagabend, wenn nicht alles wieder mit dem Teufel zugehen sollte, bei der 87. Verleihung der Academy Awards im Dolby-Theater von Los Angeles endlich das einbringt, was ihr seit 20 Jahren verwehrt wird: ein Oscar für die beste weibliche Hauptrolle.

Kaum Schwarze, kaum Frauen

Den Scheinwerfer auf die Personalie Moore zu richten, bevor der rote Teppich in Hollywood wieder eingerollt wird, gebietet bei allem Bohei um die Birdmänner und Sniperschützen dieses Jahrgangs schon die Fairness. Wieder einmal ließ die vermaledeite Jury schwarze Filmemacher links liegen – und Frauen.

Wer die Listen in zentralen Kategorien durchforstet, beste Regie etwa oder bestes Drehbuch, stößt auf die reine Männer-Wirtschaft. Selbst für „Selma“ blieb der afro-amerikanischen Film-Direktorin Ava DuVernay eine Nominierung versagt. Dabei ist das Bürgerrechtsdrama unbedingt auszeichnungswürdig.

Wird die Geschlechterfrage angesprochen?

Ob Julianne Moore in ihrer Dankesrede die Geschlechterfrage ansprechen wird wie einst Halle Berry, die 2002 als erste schwarze Frau für „Monster’s Ball“ den Oscar für die beste Hauptdarstellerin bekam? Wer, wenn nicht sie.

Dass sich ihre Konkurrentinnen – Marion Cotillard („Zwei Tage, Eine Nacht“), Felicity Jones („Die Entdeckung der Unendlichkeit“), Rosamund Pike („Gone Girl“) und Reese Witherspoon („Wild“) – von ganzem Herzen mit ihr freuen würden, ist gewiss. Julianne Moore gilt in der Branche der Eitlen als allürenfrei und hinreißend gut.

Moore überall feuerrothaarig

In die vorderste Reihe des Charakterfachs spielte sich die Tochter eines amerikanischen Militärrichters und einer schottischen Psychotherapeutin 1993 in Robert Altmans Meisterwerk „Short Cut“. Seit sie mit ihrem Film-Gatten Matthew Modine nur mit einem Pulli bekleidet einen denkwürdigen Streit hinlegte, weiß jeder, dass die in North Carolina aufgewachsene und wegen Papas Beruf 1979 in Frankfurt am Main auf die amerikanische Highschool gegangene Moore überall feuerrothaarig ist.

2003 war ihr vergönnt, was bis dahin erst acht Mal in der seit 1928 währenden Oscar-Historie passiert war: eine Doppel-Nominierung für die beste Haupt- und Nebenrolle. Moore spielte in Todd Haynes’ „Dem Himmel so fern“ die gut situierte, leidgeprüfte 50er-Jahre-Gattin Cathy Withaker. In „The Hours“ brillierte sie als die von unsichtbaren Zwängen geplagte Laura Brown. Und ging trotzdem beide Male leer aus.

Sie saugt alles auf

Moores Alleinstellungsmerkmal ist das unaffektiert Scheue, Mystische, Feenhafte, das in den stärksten Momenten an Ingrid Bergman, Bette Davis oder Catherine Deneuve erinnert. Wo Nicole Kidman mit der Brechstange entsetzt wirken will, reicht der Moore ein langer, fragender Blick.

Filmpreis Regisseure, die sie kennen und schätzen, beschreiben Julianne Moore als akribische Arbeiterin, die alles aufsaugt, bevor sie einer Rolle ihre Note gibt. Für „Still Alice“ – in Deutschland wohl ab 6. März im Kino – sprach sie mit Frauen, die in jungen Jahren eine Alzheimer-Diagnose bekommen haben.

"Eine schwer von Alzheimer gezeichnete Frau"

Im Mount Sinai Hospital in New York, wo sie mit Ehemann Bart Freundlich und den Kindern Liv und Caleb lebt, forschte sie führende Wissenschaftler aus. In Selbsthilfegruppen spürte sie der tonnenschweren Last nach, die Angehörige zu schultern haben. Eine schwer von Alzheimer gezeichnete Frau, die nicht mehr sprechen konnte, hat Julianne Moore dabei am meisten beeindruckt. „Wir verständigten uns mit Blicken und Gesten.“

Genau das, was Alice Howland auf der Leinwand so hinreißend mit ihrem Publikum macht.