Warum Bücher auch Medizin sein können

Zum Tag des Buches: Lesen ist Realitätsflucht - aber wegen seiner therapeutischen Wirkung gewissermaßen auch Medizin.
Zum Tag des Buches: Lesen ist Realitätsflucht - aber wegen seiner therapeutischen Wirkung gewissermaßen auch Medizin.
Foto: Jakob Studnar
Was wir bereits wissen
Lesen beeinflusst unsere Gefühle. Und unseren Körper. Die Neurowissenschaft untersucht, was bei der Buchlektüre im Gehirn passiert. Doch muss uns das wirklich kümmern?

Essen.. Jedes Buch ist eine Welt: erheiternd oder Trost spendend, unserem eigenen Erleben ähnlich – oder aufregend anders. Für Stunden kann Harry Potter unser starker Freund werden oder Madame Bovary die gefallene Seelenvertraute. Dabei ist die Reise ins Reich der Geschichten mehr als bloße Realitätsflucht. Wer liest, ist seiner Umwelt entrückt. Aber ganz nah bei sich.

Psyche „Lass das Mädchen, du siehst doch – es liest.“ Mit diesem Satz wuchs die Essenerin Andrea Gerk auf und lernte rasch: „Lesen bedeutete, für sich sein zu dürfen.“ Noch heute sind der Literaturkritikerin, die in Berlin lebt, Bücher Heimat und Trost, Anregung und Alltagsflucht. Wie aber kommt es, dass manche Bücher zu Lebensbegleitern werden, dass wir immer wieder das richtige Werk zur richtigen Zeit finden – und manche Bücher vielleicht gar den Weg ebnen, unser Leben zu ändern? In ihrem Buch „Lesen als Medizin“ spürt Gerk der therapeutischen Wirkung der Lektüre nach, angefangen von den Theorien des Aristoteles zur reinigenden Wirkung von Tragödien über Erich Kästners „Lyrische Hausapotheke“ bis hin zur modernen Neurowissenschaft.

„Lesen stärkt die Seele“

„Lesen stärkt die Seele“, schrieb einst Voltaire. Gerade in den USA, diesem als kulturlos verschrieen Land, gilt die Biblio-Therapie seit langem als geläufige Seelenkur. Andrea Gerk erzählt von frühen Bemühungen, Psychia­trie-Patienten mit Hilfe der rechten Lektüre zu beruhigen. Und von der Bestseller-Autorin Siri Hustvedt, die Poesietherapie in einer New Yorker Klinik anbietet. Andrea Gerk ließ sich selbst auf eine Biblio-Beratung ein – und bekam eine Bücherliste „verschrieben“, die exakt auf bestimmte Problemfelder zugeschnitten ist.

1984 wurde in Düsseldorf die „Deutsche Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie“ gegründet, die in Workshops Standards setzen will. Im Bergischen Land hat Andrea Gerk an einem solchen Kurs teilgenommen – eher unwillig, was sie durchaus unterhaltsam schildert. Warum aber stellt ihr Ehemann daheim fest, sie sei so gut gelaunt nach diesem Selbsterfahrungs-Wochenende?

Das Gehirn durchleuchten

Die inneren Lese-Vorgänge erforscht die Neurowissenschaft. In einem Magnet-Resonanztomografen lässt Andrea Gerk ihr Gehirn durchleuchten – während sie per Kopfhörer Gedichte vorgelesen bekommt. Die Entdeckung der Spiegelneuronen, die das Mitleid und -leiden ermöglichen, hat die Hoffnung befeuert, dem Geheimnis des Lesens auf die Spur zu kommen.

Volkskrankheit Heute weiß man, dass der Prozess des Lesenlernens einen Umbau, eine Neuverschaltung im Gehirn mit sich bringt, dass sich die Gehirne von Lesern und Analphabeten tatsächlich unterscheiden. Ob diese Erkenntnisse den Blick auf Literatur einmal so verändern, wie es einst Freuds Psychoanalyse vermochte? „Sigmund Freud hat das Lesen verändert“, stellt Literaturwissenschaftler Peter von Matt fest: Die frei schwebende Aufmerksamkeit, die – im wahrsten Sinne – viele Lesarten zulässt, begründete einst das Lesen der Moderne und ebnete neuen, experimentellen Schreibweisen den Weg.

Was in unserem Gehirn passiert

Andererseits: Muss einen Leser dies alles kümmern? Müssen wir wissen, was in unserem Gehirn passiert, welche psychologischen Vorgänge uns da gerade Genuss verschaffen? Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa, der als Kind unter einem tyrannischen Vater litt, erzählte einmal, er habe sich „lesend wie ein freier Mensch gefühlt“. Die Freiheit des Lesenden – solange es Bücher gibt, ist sie unendlich.

Andrea Gerk, 1967 in Essen geboren, studierte Theaterwissenschaft und arbeitet als Kritikerin und Radiomoderatorin. „Lesen als Medizin“ ist erschienen im Verlag Rogner & Bernhard, 352 S., 22,95 €.