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Archäologie

Warum Archäologen auch heute noch nach Schätzen buddeln

05.03.2013 | 19:01 Uhr
Warum Archäologen auch heute noch nach Schätzen buddeln
Dr. Charlotte Schreiter, neue Leiterin des Römermuseums in Xanten.Foto: Mark Keppler/WAZ FotoPool

Xanten.   Der Archäologische Park in Xanten hat eine neue Chefin. Ein Gespräch über Animation im Museum, über die Würde der Original-Fund und den Müll, der im Laufe der Zeit immer spannender wird. Ihr persönlicher Wunsch: Noch das Theater der Colonia Ulpia Trajana zu finden, wie Xanten zur Römerzeit hieß.

Schon rechnerisch ist der Archäologische Park Xanten alles andere als eine rein niederrheinische Adresse. Über 600 000 Besucher jährlich, Familien vor allem, strömen von weither, den alten Römern über die Schulter zu schauen. Nun hat der Park eine neue Chefin. Lars von der Gönna traf Charlotte Schreiter und sprach mit ihr darüber, wie man alte Steine heutig präsentiert, ob sich graben noch lohnt – und warum selbst Müll spannend ist, wenn man ihn nur lange genug liegen lässt.

Ihr Kernpublikum sind Familien. Indiana Jones in Ehren, aber im digitalen Zeitalter hat die Archäologie keinen leichten Stand, oder?

Charlotte Schreiter: Wir müssen uns über eine Sache besonders klar sein. Wenn man meiner Generation oder der unserer Eltern das Thema „Römer“ angeboten hat, dann gab es einen ganz natürlichen Zugriff: Die Varus-Schlacht oder Augustus waren denen ein Begriff. Das war stark verankert in den Schulen. Die Generation hatte oft noch ein humanistische Schulbildung. Davon können wir heute nicht mehr selbstverständlich ausgehen.

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Der neuen Generation kommt man immerhin multimedial entgegen: Archäologie-Museen fahren inzwischen mächtig Technik auf, digitale Animationen etc., um Geschichte lebendig werden zu lassen. Stellen solche Bemühungen nicht die echten Funde, die grauen Mauern und kleinen Krüge, in den Schatten?

Schreiter: Nein, das sehe ich nicht. Jeder Mauerrest ist eine Größe für sich. Die Computer-Animation ist völlig unabhängig davon. Natürlich benutzen wir neue Medien, aber die Stärke eines Museums, auch des LVR-RömerMuseums, sind doch die echten Funde, die Objekte, die wir haben. Die bleiben. Die stehen für sich: sehr anschaulich, sehr unmittelbar.

Eine Mauer ist aber doch nur eine Ahnung, das Zitat einer untergegangenen Welt.

Schreiter: Es ist ein Einblick in eine Zeit vor unserer Zeit. Und jeder, auch ein Laie, sieht dieser Mauer an, dass sie aus einer anderen Epoche stammt. Für was sie steht, das müssen dann wir Archäologen erklären und vermitteln.

Wie gehen Sie mit dieser Aufgabe heute um – besonders, wenn Sie an junge Besucher denken?

Schreiter: Es ist nicht mehr so selbstverständlich zu vermitteln, dass nicht nur die jüngste Vergangenheit eine Bedeutung für uns hat. Man muss dann Fragen stellen, die plastisch sind: Was passiert eigentlich, wenn die Römer kommen und eingreifen in eine bestehende Welt? Wenn ganze Legionen plötzlich versorgt werden müssen, was macht das aus einer Region? So kann man junge Menschen sensibilisieren. Dass wir in Xanten mit Schülern nicht nur von Vitrine zu Vitrine gehen, ist ein Pfund. Sie können etwas anfassen, sehen, wie groß Dinge sind, wie sie hergestellt werden und so weiter. Man staunt, welchen Reiz das auf Jugendliche ausübt, trotz IPhone.

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Als an Rhein und Ruhr lebender Nicht-Archäologe fragt man sich: Was will man überhaupt noch finden? Spätestens seit den letzten Kölner Grabungen in der Innenstadt sollten wir doch üppigst mit Dingen aus dem Alltag der Römerzeit versorgt sein. Ist jeder Fund mit dem x-ten zerbrochenen Tongeschirr heute noch einen Baustopp wert?

Schreiter: Mir ist schon klar, was Sie meinen. Ein Teil der Öffentlichkeit sieht die Archäologie sammelnd und ausgrabend, Teil für Teil. Wir gehen aber nicht nur in die Erde, um etwas grundsätzlich Neues zu finden, obwohl das gottseidank immer wieder passiert.

Es ist auch eine Frage der Verantwortung für das, was wir „Bodendenkmal“ nennen. Es geht dann nicht nur um ein paar römische Gläser mehr. Es ist eine Frage der Sorgfaltspflicht, das nicht einfach wegzuhacken. Die Frage kennen wir auch aktuell aus der Baudenkmalpflege: Wie viele Kinos aus den 1950er-Jahren muss ich erhalten? Klar, so etwas kann man kontrovers diskutieren.

Gibt es etwas, das Sie persönlich vermissen und gerne finden würden?

Schreiter: Wir wissen eine Menge über Funde des Archäologischen Parks. Mich persönlich treibt die Frage um, wo eigentlich das Theater dieser „Colonia“ ist. Noch haben wir es nicht gefunden. Wenn eines Tages hier ein Theater ans Tageslicht käme, würde ich mich schon sehr freuen.

Glauben Sie, dass man eines fernen Tages nach unserem Alltag graben wird?

Schreiter: Spannende Frage. Ab und an plädiere ich für das „vorausschauende archäologische Handeln“. Also: Was könnte man später daraus ablesen, wenn ich heute dies oder jenes tue? Das reicht bis zum Müll, den ich erzeuge. Müll ist für Archäologen ja enorm spannend. Was benutzen Menschen? Was werfen sie weg? Wovon trennen sie sich? Mit solchen Fragen kann man viel über sich selbst erfahren. Überhaupt: was bleibt von mir?

Aber auch für die großen Dinge gilt: Wie lange werden sie verstanden? Wer wird in 2000 Jahren Reste der Berliner Mauer finden und wissen, was sie einmal bedeutet hat?

Lars von der Gönna



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