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Wann ist der Mensch wirklich tot?

03.04.2012 | 17:01 Uhr
Wann ist der Mensch wirklich tot?

Essen.   Wann ist der Mensch wirklich tot? Medizin und Ethik sind sich nicht einig. Manche Experten ziehen auch das Hirntod-Kriterium in Zweifel.

Wann beginnt das Leben? Wann endet es? Mit der Geburt und dem Tod, möchte man antworten. Doch so einfach ist es nicht. Beginnt das Leben bereits mit der Befruchtung, oder mit der Einnistung des Embryos in der Gebärmutter knapp zwei Wochen später? Oder tatsächlich erst, wenn das Kind das Licht der Welt erblickt? Eine wichtige Frage, über die Politiker, Mediziner und Ethiker streiten. Denn von der Antwort ist abhängig, ab wann der absolute Schutz der Menschenwürde gilt und damit, was Medizin und Forschung mit einem Embryo anstellen dürfen.

Ebenso schwierig ist die Frage zu beantworten: Wann ist ein Mensch wirklich tot? Eine klare Antwort darauf ist die Voraussetzung dafür, einem Menschen Organe entnehmen zu können, um das Leben anderer zu retten. Etwa 12 000 Patienten warten derzeit auf ein Spenderherz, eine Niere, eine Leber. Jedes Jahr sterben etwa 1000 von ihnen, weil die Hilfe nicht kam. Doch auch hier ist die Lage unklar. Wann ein Mensch tot ist, darüber gehen die Meinungen der Experten auseinander.

Organspende darf nicht töten. Das ist der eherne medizinische Grundsatz. Voraussetzung ist der Hirntod des Menschen, der zweifelsfrei festgestellt werden muss. Es gilt: Wer hirntot ist, lebt nicht mehr. Das bildet das juristische und moralische Fundament für die Zulässigkeit der Organspende. Festgeschrieben wurde es mit dem Transplantationsgesetz 1997. Doch die Zweifel, ob der Spender damit wirklich tot ist, blieben bestehen. Womöglich ist auch diese Skepsis ein Grund für die mangelnde Spendenbereitschaft der Bevölkerung in Deutschland.

Die Diagnose Hirntod bezeichnet „den endgültigen Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms bei einer durch Beatmung künstlich noch aufrecht erhaltenen Herz-Kreislauf-Funktion“.

Das ist das Problem. Heute können die organischen Lebensfunktionen beinahe beliebig lange aufrecht erhalten werden: Die Brust des hirntoten Menschen hebt und senkt sich, er ist warm, seine Haut ist rosig, er verdaut Nahrung, wehrt sich gegen Infektionen, reagiert auf Schmerzreize, zeigt Reflexe und kann sogar Kinder zur Welt bringen.

Lebender Leichnam

Es ist ein lebender Leichnam. Man kann den Tod nicht sehen! Für Angehörige ist es schier unmöglich, einen geliebten Menschen in diesem Moment als gestorben zu begreifen. Wie soll man da über eine Organentnahme entscheiden? „Die Situation, da am Bett Abschied zu nehmen, ist eine komplette Überforderung“, wissen Mediziner.

Auch unter Experten wird wieder über das Hirntod-Prinzip debattiert. So diskutierten kürzlich internationale Fachleute auf Einladung des Deutschen Ethikrats über „neue Argumente zum Lebensende“ und darüber, ob der Hirntod das ausschlaggebende Kriterium sein kann. Genau daran zweifelt der US-Neurologe Alan Shewmon. Das Ende des Lebens werde nicht durch den Ausfall der Gehirnfunktionen markiert, sondern durch die „fehlende Integrationsfähigkeit“ des gesamten Organismus’, also durch den Kollaps lebenswichtiger Organe. Er fordert, die Grundlage der Organspende zu überdenken.

Auch der Tübinger Ethik-Professor Ralf Stoecker sieht „kein überzeugendes Argument für die Gültigkeit der Hirntod-Konzeption“. Stoecker beschreibt das „ethische Dilemma“, aus dem die Debatte herausfinden muss, will man weiterhin Organe verpflanzen. Es lautet: „Einerseits kann man mit Organspenden vielen Menschen helfen, andererseits bauen die üblichen Begründungen für die Organentnahme auf Todeskonzeptionen auf, die mehr als fadenscheinig sind.“

Stoecker löst das Dilemma, indem er die Unschärfe der Begriffe Leben und Tod akzeptiert: „Hirntote befinden sich in einem Zwischenstadium zwischen Leben und Tod. Man kann ihnen nicht mehr wehtun oder ihnen Freude bereiten, man kann nicht mehr mit ihnen kommunizieren.“ Und wichtiger: „Man kann ihnen keine Zukunft mehr vorenthalten.“ Insofern gleichen sie schon Toten. Eine Organentnahme sei somit ethisch zu rechtfertigen.

Die Würde achten

Prof. Eckard Nagel, Ärztlicher Direktor des Uniklinikums Essen und Mitglied des Ethikrates, betont, dass es für ihn als Transplantationsmediziner undenkbar sei, einen Menschen zu töten, um einen anderen zu retten. Im Gegensatz zu Shewmon und Stoecker sieht er den hirntoten Patienten als tot an. Die bisherige Praxis sei legitim. Wert legt er indes darauf, dass die Würde hirntoter Menschen zu achten sei und die Angehörigen auf der Intensivstation mehr Beistand benötigten.

Wann beginnt das Leben, wann endet es? Eine eindeutige Antwort ist kaum möglich. Sie kann nur in einem Abwägungsprozess gefunden werden. Die Gesellschaft muss also darüber befinden, muss ethische, religiöse, medizinische und juristische Argumente wägen. Und entscheiden, wann es definitiv zu Ende ist.

Christopher Onkelbach

Kommentare
05.04.2012
16:06
Wann ist der Mensch wirklich tot?
von AlfonsGrau | #4

Fortsetzung 3:

Wie eine Blutspur durchzieht die Lüge von der "postmortalen Organspende" die als Aufklärung getarnte Werbung der DSO für Organspende....
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2012-04-03 17:01
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