Das aktuelle Wetter NRW 10°C
Literatur

Walter Kempowski - der Erniedrigte und Beleidigte als junger Mann

12.09.2012 | 14:24 Uhr
Walter Kempowski - der Erniedrigte und Beleidigte als junger Mann
Walter Kempowski

Essen.   Die frühen Aufzeichnungen des „Tadellöser & Wolff“- und „Echolot“-Autors umfassen die Jahre von 1956 bis 1970, als sein erstes Buch „Im Block“ erschienen war: „Wenn das man gut geht!“ Enthalten sind nicht nur Kempowskis Notizen, sondern auch ganze Briefwechsel mit Zeitgenossen.

„Uns geht’s ja noch Gold“ ist eine der Redewendungen, mit denen Walter Kempowski den deutschen Alltags-Sprachschatz bereichert hat. Doch diese Trost-Devise blieb für seine Mutter reserviert. Der beim Publikum so beliebte Romancier Kempowski dagegen errang mit zunehmendem Alter immer unangefochtener die deutsche Meisterschaft im Nörgeln, flankiert von einer legendären Dauer­beleidigt­heit. So durchdringen Komik und Tragik seine Tagebücher der 90er-Jahre auf eine Weise, dass man darüber schier den Atem anhält anstatt zu lachen oder zu weinen.

Wer das für ein Alterssymptom gehalten hat, wird nun von Kempowskis frühen Tagebüchern eines Besseren belehrt: Es dauert keine 18 Seiten, da beschwert sich der damals noch 26 Jahre alte, gerade aus dem DDR-Gefängnis in Bautzen entlassene Kempowski schon zum ersten Mal, schäbig behandelt worden zu sein. Er trifft im März 1956 in Lindau am Bodensee alte Bekannte aus Rostock, die ihn einladen: „Auch hier Lebensstandard wichtiger als Tuchfühlung. Vorher gab’s Wein, die benutzten Gläser standen noch auf dem Tisch, es war irgendein Direktor zu Besuch bei ihnen gewesen, und Kuchen. Ich, der ‘Spätheimkehrer’ und gute Freund ihrer Familie, bekam, was übrigblieb. Erniedrigend, so was!“

„Kein Geld“ ist so etwas wie der Strophengesang dieser Tagebücher. Der Privatkram, das Verwandtschaftsgewusel und der Familienalltag des Schriftstellers, der sich als Dorfschullehrer durchschlagen muss, nimmt viel Raum ein; Herausgeber Dirk Hempel hat aber auch Briefwechsel (etwa mit Fritz J. Raddatz, dem damaligen Rowohlt-Lektor) aufgenommen. So entsteht auch ein Bild von Kempowskis Bosseln an Büchern, seinem Debüt „Im Block“, für das er 13 Jahre brauchte, und ersten Vorstufen zu „Tadellöser & Wolff“, das ihn berühmt machen sollte. Den Menschen hinter diesem Bestseller machen diese Tagebücher sichtbarer denn je.

Walter Kempowski: Wenn das man gut geht! Aufzeichnungen 1956-1970. Knaus Verlag, 624 S., 29,99 €.

Jens Dirksen



Kommentare
Aus dem Ressort
US-Autor James Frey präsentiert Multimedia-Buch "Endgame"
Endgame
James Frey stellt sein neues Werk vor. Es ist ein Gewinnspiel, eine Internetplattform, ein Social-Media-Event und ein Hörspiel. Die Leser sollen damit auf eine interaktive Schnitzeljagd mitgenommen werden. Dennoch soll das Multimediaprojekt "Endgame - Die Auserwählten" vor allem Literatur sein.
So lacht das Revier – Kabarettisten-Wettstreit mit Hot Rods
Comedy-Serie
Der Pianist Timm Beckmann und der Gitarrist Tobias Janssen sind Pro:c-dur. Auf der Bühne lassen die Kabarettisten Klassik gegen Rock antreten. Nun brachten sie den Musik-Wettstreit auch auf die Straße: Das Duo fuhr mit Mini-Hot-Rods am Essener Baldeneysee um die Wette. Wer gewinnt?
Konstantin Wecker freut sich auf sein Konzert in Gladbeck
Musik
„40 Jahre Wahnsinn“. Die Stadthalle in Gladbeck ist der einzige Spielort in NRW zur Jubiläumstour von Liedermacher und Friedenskämpfer Konstantin Wecker. Der gebürtige Münchener schätzt die ehrliche und direkte Art der Menschen im Ruhrgebiet, das hat er uns jetzt im Interview verraten.
Essener Regisseur inszeniert „Wunder von Bern“ als Musical
Musical
Folkwang-Professor Gil Mehmert führt Regie – ein Gespräch vor der Premiere am Sonntag in Hamburg über Revier-Verbundenheit, einen neuen Schub für die deutsche Musical-Szene und die Wiederbelebung von Wir-Gefühlen“ und Teamgeist.
Ein Star und viele Sternchen beim Hagener Kurzfilmfestival
Filmfestival
Schaulaufen beim Hagener Kurzfilmfestival „Eat my shorts“. Schauspieler wie Nastassja Kinski, Ralf Richter oder Showgröße Tanja Szewczenko posierten vor den Kameras, ehe sie im Kinosaal verschwanden, um die sechs ausgewählten Filme zu schauen.
Umfrage
Viele Manager von städtischen Unternehmen verdienen mehr als eine halbe Million Euro im Jahr. Die Einkommen richten sich nach Branche, Unternehmensgröße und Umsatz. Finden Sie die hohen Gehälter angemessen?

Viele Manager von städtischen Unternehmen verdienen mehr als eine halbe Million Euro im Jahr. Die Einkommen richten sich nach Branche, Unternehmensgröße und Umsatz. Finden Sie die hohen Gehälter angemessen?