Wahrlich Gegenwartsliteratur

Hagen..  Selten segelt Literatur so hart am Wind der Aktualität wie in den Krimis von Petros Markaris. Der vielfach ausgezeichnete griechische Autor beschreibt in seinem neuen Roman „Zurück auf Start“ den Alltag seiner Heimat im Zeichen der Staatsschuldenkrise. Wer wissen will, wie Griechenland lebt und leidet, erfährt in diesem Buch mehr als in politischen Analysen.

Petros Markaris ist als Schriftsteller ein Weltbürger. In Istanbul geboren, hat er unter anderem in Deutschland Volkswirtschaft studiert und Goethes „Faust I und II“ ins Griechische übersetzt. Liebgewordene Klischees über Deutsche oder Griechen wird der Leser in seinen Romanen um Kommissar Kostas Charitos also nicht finden, im Gegenteil.

Überraschende Brille

Markaris wählt eine überraschende Brille, um die Situation zu analysieren. Der Deutschgrieche Andreas Makridis ist in die Heimat seiner Vorfahren zurückgekehrt, weil er denkt, dass er dem Ursprungsland etwas schuldet. Als Elektroingenieur will er Windparks bauen, Arbeitsplätze schaffen, die Wirtschaft ankurbeln. Nur ist das in Griechenland nicht so einfach. Und Makridis ist viel zu sehr Deutscher, um die herrschende Schattenwirtschaft zu verstehen, bei der hauptberufliche Schmiergeld-Manager auf Provisionsbasis die Bürokratie ölen. Wer nicht mitspielt, kann auf seine Genehmigungen warten, bis er schwarz wird.

Der Suizid des gescheiterten Rückkehrers löst eine mörderische Ereigniskette aus, zu der sich die „Griechen der 50er Jahre“ bekennen, eine Gruppierung, die auf jene alten Werte pocht, die im wuchernden Dschungel von Bestechung, Subventionsschwindel und Steuerhinterziehung verloren gegangen sind.

Kommissar Charitos ermittelt doppelt, denn seine Tochter Katerina, die als Juristin Flüchtlinge vertritt, wird von Neonazis zusammengeschlagen. Auch der Kommissar selbst wird bedroht, und die Spur der Rechtsradikalen führt bis mitten in die Polizei.

Am Abgrund jonglieren

Markaris zeigt am Beispiel seines bärbeißigen, knorrigen und in Wahrheit herzensguten Kommissars, wie die griechischen Normalbürger angesichts der drohenden Staatspleite täglich am Abgrund jonglieren. Katerinas Schwiegervater muss seinen kleinen Laden aufgeben, weil er die Steuern nicht mehr zahlen kann; die Hausfrauen holen die Rezepte ihrer Mütter aus der Schublade, die noch wussten, wie man so billig wie möglich eine Familie satt kriegt.

„Zurück auf Start“ ist ein spannender Krimi und noch viel mehr. Denn Markaris schafft es, die ganze komplexe Materie der Schuldenkrise und der deutsch-griechischen Beziehungen mit äußerst kritischem Blick zu kommentieren, ohne die allgegenwärtigen Vorurteile zu bedienen. Das ist wirklich hohe Erzählkunst.

Petros Markaris, Zurück auf Start,
Diogenes-Verlag, 356 Seiten,
23,90 Euro.