Vom Laufsteg ins Museum

Paris..  Sein Matrosenpulli hat ihn fast ebenso bekannt gemacht wie der spitze Metall-BH, den er Madonna auf den Leib schneiderte. Oder der Umstand, dass der gestandene Mannsbilder in Röcke steckte und über den Laufsteg schickte. Die Defilees des Pariser Modemachers Jean-Paul Gaultier waren schon immer auch das: in ein buntes Happening verpackte Provokationen. Doch seine größte Show zieht das „enfant terrible“ der internationalen Modewelt derzeit im Pariser Grand Palais ab. Das renommierte Museum nämlich adelt den 62-jährigen Haute-Couturier mit einer Ausstellung seiner ausgefallensten Kreationen.

Sein „größtes Defilee“ nennt Gaultier diese Werksschau, mit der er seit 2011 durch die Welt tourt. Paris ist nach New York, Montreal, London und Rotterdam beileibe nicht die erste Station. Und auch nicht die letzte, denn im Herbst geht es weiter nach München. 1,5 Millionen Menschen haben die Ausstellung bereits gesehen, bei der es sich in Wirklichkeit um eine mit Hilfe zahlreicher Multimedia-Effekte aufwendig gestaltete Inszenierung der Gedanken- und Schaffenswelt des Designers handelt.

Dragqueens und Conchita Wurst

Museen, so gibt der Mann mit dem Lausbubengesicht und den blond gefärbten Haaren unumwunden zu, „gehören für mich eigentlich einer anderen Welt an“. Zum einen, weil dort gemeinhin Werke von toten Künstlern gezeigt würden, zum anderen, weil er seine Arbeit eher als ein Handwerk und nicht als Kunst verstehe. Und – in seinem Fall – als Spiegel einer offenen, multikulturellen Gesellschaft.

Von Normen jedenfalls hält Gaultier gar nichts. Gegen die ist er mit seiner ausgefallenen, provokanten, ja manchmal verrückten Mode schon immer angerannt. Etwas verhaltener zuerst, als er ab den 70er-Jahren für Cardin und Hermès arbeitete. Aber spätestens seit der Designer 1978 sein eigenes Modehaus gründete, lässt er seinem unkonventionellen Geschmack freien Lauf.

Entsprechend bunt und schrill ist seine Ausstellung, die einige der großen Momente zitiert, in denen Gaultier die Modewelt so richtig in Aufruhr versetzte. Natürlich dürfen da – als sprechende Puppen - die Dragqueens nicht fehlen, die er schon zu Beginn der 80er-Jahre in den Kreis seiner Models aufnahm. Oder das männliche Mannequin Andrej Pejic. Pejic schaffte seinen Durchbruch in einem Brautkleid von Gaultier und heißt heute, nach einer Geschlechtsumwandlung, Andreja. Auch die österreichische Travestie-Künstlerin Conchita Wurst lächelt dem Besucher zu und zwar in jenem schwarzen Tüllkleid, mit dem sie Gaultier im Juli 2014 über den Laufsteg schickte.

Selbst auf Gaultiers Berufung spielt die Schau an. Und sie geht weit zurück. Weil der kleine Jean-Paul nicht mit Puppen spielen durfte, musste sein heiß geliebter Teddybär „Nana“ für erste Experimente herhalten. Mit Papier und Stecknadeln formte er dem Teddy einen trichterförmigen BH. 30 Jahre später sollte Madonna mit einer Wiedergeburt dieser zugespitzten Verfremdung der weiblichen Brust ihrem Publikum einheizen. Ebenso nachhaltig wirkte ein Korsett nach, welches Gaultier als Junge im Kleiderschrank seiner Großmutter fand. Wespentaille, Korsetts, Schnüre und Schnallen ziehen sich bis heute wie ein Leitfaden durch Gaultiers Kollektionen.

Alle ist erlaubt, nichts verboten – so scheint das Motto des Designers zu lauten, dessen auf die SM-Szene anspielende Lack- und Ledermode noch vor nicht allzu langer Zeit vielen als ein Skandal galt. Heute, das jedenfalls suggeriert die Gaultier-Schau augenzwinkernd, ist sie bereits museumswürdig. Wobei der Designer keineswegs an den Ruhestand denkt. Aus der Prêt-à-porter-Mode hat er sich zwar vergangenes Jahr zurückgezogen, aber nur, um sich ganz seinen Kollektionen für die Haute Couture widmen zu können. Die nämlich, so erklärt der Meister, „lassen viel mehr Raum für Experimente!“