Das aktuelle Wetter NRW 25°C
Literatur

Urs Widmer - wie ein Homer mit Humor

07.12.2009 | 18:47 Uhr
Urs Widmer - wie ein Homer mit Humor

Essen. Der Schweizer Autor Urs Widmer skizziert in seinem Lebensreisebericht „Herr Adamson” die aberwitzigen Seiten von Leben und Tod – und begegnet so dem Skandal der eigenen Sterblichkeit.

Einer aberwitzigen Odyssee gleichen seine Romane. Kaum einer hat wie Urs Widmer die Poesie des Skurrilen besungen, sich selbst derart stilisiert als einen verschmitzten Handlungsreisenden: ein Homer mit Humor.

Zwei „Steinmonster” bewachen Widmers Jenseitsfantasie: das Löwentor von Mykene. Foto: imago

Das kommt, weil Urs Widmer aus der Schweiz kommt: aus einem kleinen Land mit engen Grenzen also, das sich selbst zuweilen allzu ernst nimmt (und bei fremden Klängen weghört). Und so lässt sich Widmers aktueller Roman, der als Essenz seines Lebenswerks daherkommt, auch lesen wie eine todernste, klamaukige Abrechnung mit der Heimat.

Die Geschichte beginnt am 22. Mai 2032: Am Tag vorher hatte der Ich-Erzähler Geburtstag (und hätte auch Urs Widmer Geburtstag, der am 21. Mai 1938 in Basel geboren wurde). Nun wartet er in einem Garten darauf, dass ein gewisser Herr Adamson kommt – um ihn abzuholen. Bald ahnen wir, wohin die Reise gehen soll.

Nacherzählung müsste mit gebrochenen Ohren enden

Der Erzähler spricht seiner Enkelin ja die ganze Geschichte auf einen Rekorder. Wie er als Achtjähriger Herrn Adamson zum ersten Mal begegnete, 1946 und hier im Garten!, und dieser ihm die Physik des Jenseits erläuterte: „Ich und du haben uns auf Erden abgelöst. Wie in einem Stafettenlauf ohne Stab. Ich bin dein Vorgänger. Du bist mein Nachfolger. Mich kannst du sehen. Alle anderen Toten siehst du nicht.” Der Erzähler erzählt, warum Herr Adamson sich dem Achtjährigen zeigte, welche Mission dieser für ihn erfüllen sollte und auf welche Weise er später Herrn Adamsons Enkelin Bibi begegnete. Welche Rolle Heinrich Schliemann spielte. Warum der Junge die Sprache der Navajo-Indianer lernte – so viele Salti macht Widmers Lebensreisebericht, dass jede Nacherzählung mit gebrochenen Ohren enden müsste.

Unfreiwillig ins Totenreich

Einmal gerät der Junge selbst unfreiwillig ins Totenreich, Herr Adamson führt ihn heraus – da stehen sie plötzlich in der historischen Stätte Mykene. Ein griechischer Polizist bringt den Jungen flugs zurück nach Basel zu den Eltern, auf dem Fahrrad. In Widmers Welt sind Unmöglichkeiten selbstverständlich.

In vergangenen Romanen hat der Schweizer Autor bereits seine eigene Biografie tollkühn zerpflückt: „Der Geliebte der Mutter”, „Das Buch des Vaters”, „Das Leben als Zwerg” sind ein Mutter-Vater-Kind-Spiel aus der Parallelwelt der Fiktion. Nun entzieht sich Widmer dem Skandal der eigenen Sterblichkeit, indem er ihr vorgreift. Seine Reise führt ihn weit hinaus aus dem kleinen Land mit den engen Grenzen: das da Leben heißt.

Urs Widmer: Herr Adamson. Diogenes, 200 S., 19,90 Euro

Britta Heidemann


Kommentare
Aus dem Ressort
74-jähriger Hagener arbeitet sich in die Streetart-Szene ein
Fotografie
Man traut es ihm auf den ersten Blick einfach nicht zu: Mit 74 Lebensjahren hat sich Peter Beuker der Streetart-Kunst verschrieben. Mit seinem Fotoapparat dokumentiert er allerorten gesprühte Motive, die ihn faszinieren. Demnächst beteiligt er sich sogar an einer Ausstellung in der Kooperative K.
"Den Krieg im Osten der Ukraine gäbe es nicht ohne Russland"
Schriftstellerin
Traumatische Kriegserlebnisse von Kindern hält Swetlana Alexijewitsch in ihrem Buch "Die letzten Zeugen" fest. im Interview spricht die weißrussische Schriftstellerin über Krieg und Frieden - und die Rolle Russlands im Ukraine-Konflikt.
Liebeserklärung an den Niederrhein im Schloss Moyland
Schloss Moyland
"Der Himmel so weit" heißt die aktuelle Ausstellung im Schloss Moyland in Bedburg-Hau. Landschaftsdarstellungen der Niederrheinlande sind noch bis zum 24. August zu sehen. Die Ausstellung soll ein deutlich breiteres Publikum ansprechen, sagt Direktor Johannes Look. Auch das ZDF war schon da.
Kölschrockband BAP begeistert beim Fantastival in Dinslaken
Konzert
Die 2000 Besucher im Burgtheater freuten sich über ein dreistündiges musikalisches Roadmovie der Band BAP von Kölle nach Marrakesch. Das Akustik-Konzert der Kölschrocker um Wolfgang Niedecken im Rahmen des Fantastivals kam gut an. Das Burgtheater in Dinslaken war seit Wochen ausverkauft.
Essener Bassist packt die Koffer für das Wacken-Open-Air
Festival
Der Essener Bassist Frank Heim tritt mit der Mittelalter-Rockband Saltatio Mortis am 1. August beim legendären Open-Air-Festival im norddeutschen Wacken auf. Der 33-jährige Berufsmusiker,der im siebten Jahr bei Saltatio Mortis spielt, zog der Liebe wegen nach Essen und fühlt sich wohl hier.
Umfrage
Die Ebola-Seuche breitet sich in Westafrika weiter aus. Ein erster Patient könnte möglicherweise in Hamburg behandelt werden. Macht Ihnen Ebola Sorgen?

Die Ebola-Seuche breitet sich in Westafrika weiter aus. Ein erster Patient könnte möglicherweise in Hamburg behandelt werden. Macht Ihnen Ebola Sorgen?

 
Fotos und Videos