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Unperfekthaus - Baumarkt der Möglichkeiten

20.10.2009 | 06:35 Uhr
Unperfekthaus - Baumarkt der Möglichkeiten

Essen. Künstler und Gründer erhalten kostenlos Räume, Technik, Bühne und vieles mehr werden für die Kreativen zur Verfügung gestellt, dafür stehen alle Räume Besuchern offen. Das Unperfekthaus in Essen erfindet sich neu: mit Speaker's Corner und Fassaden-Wanderweg. Und es will das Revier mitziehen.

Der Künstler Ariyadasa Kandege hat sein Atelier im Unperfekthaus. Er hat sich auf Ansichten des Ruhrgebietes spezialisiert. Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool

Baustellen inspirieren. Sie zwingen zum Denken und Machen, einfach weil sie so unfertig, so unperfekt sind. Jedenfalls ist Reinhard Wiesemann dieser Gedanke auf einer Baustelle gekommen: „Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Perfektionsgrad einer Umgebung und der Anzahl der Leute, die aktiv werden können.” Anders ausgedrückt: Perfektion ist langweilig. Also hat der Erfinder und Unternehmer sich das Unperfekthaus ausgedacht – ein Haus, in dem die Räume umsonst an kreative Menschen abgegeben werden. Ein Baumarkt der Möglichkeiten also.

Vor fünf Jahren hat Wiesemann darum ein verlassenes Franziskaner-Kloster in der Essener Innenstadt erstanden, einen Betonklotz mit dem Charme eines Parkhauses, aber mit einer trefflichen Raumaufteilung. In den rund 50 ehemaligen Mönchszellen arbeiten nun Maler und Musiker, Klangschalenmasseurinnen und Kaffeeröster. Alle Räume stehen den Besuchern offen, sie sollen hier schnuppern und quatschen, die Angezogen-Sauna besuchen oder das Erlebnis-Klo – alles für 5,50 Euro inklusive Getränke-Flatrate.

Fit werden für die Kulturhauptstadt

Bei Geschäftsleuten ist das Unperfekthaus sehr beliebt. In ruhiger und z.T. bunt gestalteter Atmosphäre läßt es sich gut arbeiten. Es stehen Gastronomie-, wie auch Konferenzräume zur Verfügung. Der Wintergarten direkt unter dem Dach ist sehr beliebt. Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool

Das Haus mit der wunderbaren Dachterrasse sollte also wuseln, tut es aber nicht zu jeder Tageszeit. Denn seit rund eineinhalb Jahren ist die Gedankenbaustelle im Schatten des neuen Karstadt-Komplexes am Limbecker Platz umzingelt von ganz realen Baustellen, und das Projekt drohte, daran zu ersticken. Die Zufahrtsstraße und die Parkplätze sind gesperrt, Laufkundschaft kommt kaum mehr. Rund 200 zahlende Besucher pro Tag bräuchte Wiesemann, rund 80 bis 100 sind es derzeit. Den Mittagstisch hat er längst streichen müssen.

Wenn die Baustellen bald weichen, dann muss das Unperfekthaus sich neu erfinden. Es soll fit werden für die Kulturhauptstadt, und Wiesemann wäre kein Erfinder, wenn nicht viele ungewöhnliche Ideen eine Rolle spielen würden: Auch Gärten inspirieren. „Warum gibt es nicht mehr wetterfeste Kunst?”, fragte sich der 49-Jährige, schreibt nun einen Wettbewerb aus und lässt eine Fassadengalerie bauen, Deutschlands mutmaßlich ersten „vertikalen Kunstwanderweg”.

Aufmerksamkeit wird auch die „Speaker's Corner 2.0” erregen. In rund einer Woche soll sie fertig werden, die erste öffentliche Redner-Ecke des Ruhrgebiets. Die Redelustigen können sich dann Beamer und Lautsprecher ausleihen – und haben ihren großen Auftritt, wo zwei Welten sich berühren: das anarchistische Unperfekthaus und das luxuriöse Kaufhaus – die vielleicht metropolitanste Ecke des Ruhrgebiets.

Zentrum für Spielereien

Die Physiker Gerold Geist und Michaele Meßer (v.r.n.l.) unterstützen die im Haus untergekommenen Künstler mit technischen Instalationen. Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool

Wie man so etwas hinbekommt? Wiesemann rief einfach bei der Stadt an und „nach fünf bis sechs Tagen waren die Planer Feuer und Flamme”. Bei der Stadt hat man nach längerer Fremdelei offenbar erkannt, welches kreative Potenzial in diesem Ideenmacher und seinem ungewöhnlichen Haus steckt.

Zum Beispiel diskutieren die Wirtschaftsförderer derzeit den „Gadget-Cluster”. Die Leerstände auf der Viehofer Straße müssten nicht sein, findet Wiesemann. Auf der Straße finden sich schon viele Anbieter von Computer-Teilen – warum also kein Zentrum für technische Spielereien schaffen? Vom Segway-Elektroroller bis zum iPhone-Accessoire – der richtige Name ist alles. Das Unperfekthaus will das Revier mitziehen.

Auch eine seiner „echten Erfindungen” lässt Wiesemann verbauen, wenn das Unperfekthaus generalüberholt wird: den Heizturbo. „Waagerechtes Einblasen der Heizungsluft macht Räume in fünf bis zehn Minuten mollig warm.” Unglaublich, aber wahr: Bisher ist niemand auf die Idee gekommen, eine Heizung mit einem Ventilator zu kombinieren.

Kampf gegen den Duden

Der Mann mit den sprühenden blauen Augen gewann schon mit 18 Jahren einen Erfinderwettbewerb, er gründete eine Firma für Computerschnittstellen und modelte die Industriellenvilla Vogelsang auf den Ruhrhöhen in das noble Linux-Hotel um. „Ich probiere sehr viel aus und lerne”, sagt Wiesemann. Wohlgemerkt: lernen statt scheitern. Nur was das Unperfekthaus angeht, ist er vorsichtig geworden „Wir schaffen jetzt die Voraussetzungen, dass es denkbar ist, nächstes Jahr in die Gewinnzone zu kommen.”

Das Haus hat bisher überlebt, weil Wiesemann zuschießt. Aber als reinen Idealisten sieht er sich nicht: „Ich habe ganz klar eine Gewinnabsicht.” Überhaupt findet er, dass sich Selbstlosigkeit und Eigennutz nicht ausschließen, sondern ergänzen. Auch wenn der Duden Altruismus und Egoismus als Gegensätze definiert – eine Überzeugung, die vor Jahren in die „Kampagne gegen den Duden” mündete.

„Jedenfalls ist es unheimlich schwer, Firmen zu überzeugen, mit unüblichen Sachen zu werben”, musste er lernen. Auch sein „Kulturkumpel” – ein Anzeigenblatt, das Kulturschaffende und Unternehmen zusammenbringen sollte, ist gefloppt. Aber Wiesemann lernt. „Ich glaube immer mehr, dass das Experimentieren eine unglaublich wertvolle Verhaltensweise ist, die viel mehr propagiert werden muss. Das Innovationsministerium sollte eigentlich Experimentierministerium heißen!” Und so meint er auch das Unperfekthaus: als Experimentierhaus. Es ist seine Antwort darauf, „dass wir Menschen eben nicht so schlau sind, dass wir den Erfolg planen könnten”.

Thomas Mader


Kommentare
05.12.2009
07:03
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04.12.2009
20:35
Unperfekthaus - Baumarkt der Möglichkeiten
von Mr Mo | #23

@polizistin
Nicht zu glauben, was sie hier schreiben: zuviele Homos. Allerdings auch danke für den Beitrag, dadurch ist klar, dass sie nicht ernst zu nehmend sind.

@allesnurgeklaut
selbst wenn es ihre ideen waren, so ist doch das größte glück die umsetzung dieser ideen. Egal ob geklaut oder nicht. Außer natürlich, man möchte sich persönlich profilieren und braucht die Anerkennung anderer.

@bunny summers
eine einrichtung wie das uph sollte immer eine meldung wert sein. in zeiten des neoliberalen wirtschaftspolitik ist eine anlaufstelle wie das uph eine oase vor der verfremdung der gesellschaft als tiere des kommerzwahns.
Zu ihrem Kommentar bezüglich warum noch keine schwarzen zahlen geschrieben werden konnten:
1. Siehe Beitrag über Baustellen
2. Eine Kulturbegegnung wie das uph hat -offensichtlich ungewollt- als Zielpublikum nicht die breite masse am unteren ende der Einkommenspyramide, sondern vielmehr Menschen die sowohl die zeit als auch die möglichkeit haben sich für kunst und kultur zu begeistern. DIese Personen verstecken sich oftmals in Büros ab dem 5.Stockwerk aufwärts. Allerdings ist klar das es diese Personengruppen sich nicht im Überfluss in Essen niedergelassen haben.
Würde man ein uph in Köln errichten, würde bals schon ein zweites nötig werden... In Köln findet die einzigartige Symbiose aus Geld und trotzdem Ungezwungenheit statt, die solch eine Einrichtung braucht.
DIes ist auch der Vorwurf, der an Herrn Wiesemann zu richten ist.
Nicht auf ein Kloster in Essen beschränken, sondern in größeren Dimensionen denken, Fördergelder beantragen und in andere Städte expandieren. Denn nur durch Massenbesuche überall läßt sich ein schwächelnder Standort stärken.

Wie dem auch sei, danke ich für die errichtung des uph jenseits von kommerzieller Habgier und stehe einer errichtung degleichen in köln offen und zur verfügung gegenüber.

eiskaltinkoeln@web.de

23.10.2009
14:08
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21.10.2009
18:04
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21.10.2009
16:48
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21.10.2009
14:32
Unperfekthaus - Baumarkt der Möglichkeiten
von bunny.summers | #19

@trixiTric:
Solange es neue Meinungsmache ist, meinetwegen. Aber immer wieder die gleichen Themen? Nee, danke, das muss ich nicht haben...

21.10.2009
14:07
Unperfekthaus - Baumarkt der Möglichkeiten
von trixiTric | #18

@bunny summers:
Sie scheinen das Leben noch nicht ganz verstanden zu haben. Wenn Sie ohne Werbung auskommen wollen, kaufen Sie sich einen Duden oder den Bronstein!
Vielleicht hat es Ihnen bisher noch niemand erklärt, aber in den Zeitungen bzw Medien allgemein finden Sie nicht nur Werbung sondern sogar auch Meinungsmache. Also aufpassen!

21.10.2009
12:22
Unperfekthaus - Baumarkt der Möglichkeiten
von bunny.summers | #17

@Balkenbieger:
Das Unperfekthaus besteht bereits seit einigen Jahren. Die Berichterstattung damals zur Eröffnung fand ich völlig richtig, weil es eine Nachricht für die Bürger war. Mittlerweile aber, und das steht ja auch in dem Artikel, hat sich das Unperfekthaus ganz einfach nicht rentiert, weil nicht genügend Leute reingehen. Ich denke, es ist mein gutes Recht, einfach mal zu hinterfragen, wieso nun ein Artikel in der WAZ dazu erscheint und nicht einmal nach den Gründen gefragt wird, wieso nicht genug dort reinwollen. Das kann doch wohl von einer Zeitung erwartet werden, oder etwa nicht?
Was den Limbecker Platz angeht: Natürlich ist ein Bericht zur Eröffnung in Ordnung, aber wenn in zwei oder drei Jahren einzelne Läden oder das Center an sich noch einmal in der Zeitung beworben werden, nur weil das Geschäft schlecht läuft, dann fände ich das auch nicht okay.
Und das Unperfekthaus mit einem geschichtsträchtigen Unternehmen wie Kaufhaus, das seit 130 Jahren besteht, zu vergleichen, ist ja wohl mehr als unpassend!!!!
Was ich im Grunde meine, ist folgendes: Es wird in letzter Zeit in den Medien nicht mehr zwischen Nachricht und Werbung unterschieden. Wollen Sie noch die Zeitung lesen, wenn künftig jeden Tag auf allen Seiten nur noch Berichte über Geschäfte drin stehen. Dafür gibt es doch den Anzeigenteil.
Nochmal zum Unperfekthaus: Die WAZ hat bereits mehrfach in den vergangenen Jahren über Herrn Wiesemann und sein Konzept geschrieben (vor allem im Essener Lokalteil, und immer von derselben Redakteurin, die auch gut mit Herrn Wiesemann befreundet ist), die Berichterstattung wiederholt sich einfach nur noch. Ich erkenne da nichts Neues, außer dem Versuch, das Ding irgendwie zu bewerben. Wo ist denn in dem neuerlichen Artikel irgendeine Nachricht, die nicht schon mehrfach seit 2004 in der WAZ stand. Meine Botschaft: Ich will nicht alle Tage wieder Aufgewärmtes in der WAZ lesen, sondern neue Nachrichten. Wenn das Unperfekthaus schwarze Zahlen schreibt und vor Besuchern berstet, dann wäre das mal einen Artikel wert.....

21.10.2009
11:35
Unperfekthaus - Baumarkt der Möglichkeiten
von Balkenbieger | #16

@bunny.summers:
Wenn das für Sie schon unter Werbung läuft, dürfte es demnach auch keine Berichte über die Eröffnung von Limbecker Platz geben, da das ja Werbung für das Einkaufszentrum ist. Und bloß keine Artikel über das Folkwangmuseum - womöglich gehen die Leute wegen dem Artikel dann dahin! Und der Bericht Kaufhof feiert 130 Jahre vom 18.10. war gar keine Zeitungsmeldung zu einem geschichtsträchtigen Unternehmen, sondern bloß Werbung.
Es ist doch müßig, hier jetzt überall mehr oder minder versteckte Werbung zu wittern.

21.10.2009
11:30
Unperfekthaus - Baumarkt der Möglichkeiten
von Balkenbieger | #15

@Allesnurgeklaut:
Am 20.10. um 9:41 schrieben Sie
Vielleicht tauchen die anderen Ideen auch wieder auf als anderer Leute Einfälle
Am 21.10. schrieben Sie
Es tauchen übrigens auch andere Ideenvorschläge von mir unter anderem Namen auf
Wow, zufällig alle innerhalb von 24 Stunden aufgetaucht?

Und falls Sie es nicht bemerkt haben:
a) Die Speakers Corner im Unperfekthaus ist kein Kulturhauptstadt2010-Projekt
b) Das Haus wird weder von der Stadt noch vom Kulturhaupstadtbüro betrieben

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