„Über Missbrauch nur zu sprechen, reicht nicht“

Berlin..  Das anhaltende Schweigen mancher sei bedrückend, meint Jesuitenpater Klaus Mertes. Noch immer würden Missbrauchsopfer oftmals nicht angemessen angehört. Als Rektor des Berliner Canisius-Kollegs brachte er vor fünf Jahren nach einem Gespräch mit Betroffenen eine Lawine ins Rollen: Opfer aus anderen kirchlichen und nicht-kirchlichen Einrichtungen meldeten sich zu Wort, eine gesellschaftliche Debatte über Missbrauch begann. In der Folge wurden Leitlinien überarbeitet, Hotlines für Betroffene geschaltet, Schutzkonzepte erarbeitet. Die Politik reformierte auch Gesetze.

Mertes betont am Montag bei einer Pressekonferenz in Berlin, dass für viele Betroffene die Tat als solche, aber auch das langjährige Schweigen und Vertuschen „katastrophale biografische Folgen“ gehabt habe. Zwar sei inzwischen vieles auf den Weg gebracht worden, viele notwendige Schritte müssten aber noch geschehen.

Matthias Katsch, Sprecher der Betroffenen-Initiative „Eckiger Tisch“ und ehemaliger Schüler am Canisius Kolleg, spricht von einer „befreienden Erfahrung“, endlich über das Geschehene und über Jahre Verdrängte sprechen zu können. Das alleine reiche aber nicht. „Es geht mir besser als vor fünf Jahren“, sagt er. Auch er bescheinigt der Kirche „unbestreitbare Fortschritte“.

Im Argen liegen seiner Ansicht nach vor allem aber noch die Punkte Aufarbeitung, Hilfe und Entschädigung. So steht für ihn ein Gespräch der Opfer mit den Bischöfen noch aus. Als akzeptable Größe für eine Entschädigung nennt er die Summe von 25 000 Euro. Derzeit zahlt die katholische Kirche Opfern rund 5000 Euro.

Katholische Kirche unterstützt Pläne

Katsch kritisiert auch, dass es die Institution selbst ist, die über die inzwischen 1500 eingegangenen Anträge von Betroffenen entscheidet. Er unterstützt deshalb das Vorhaben des seit 2011 tätigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, eine Aufarbeitungs-Kommission einzurichten, die Ursachen, Verantwortlichkeiten und Folgen von sexuellem Missbrauch untersuchen soll. Auch die katholische Kirche unterstützt die Pläne.

Die sollen jetzt konkrete Formen annehmen: Eine solche Kommission soll voraussichtlich bereits im kommenden Jahr ihre Arbeit aufnehmen, so kündigt Rörig an. Am Freitag debattiert erstmals der Bundestag darüber. Als Vorbild könnte dabei die in Irland tätige Ryan-Kommission dienen, die 2009 ihre Ergebnisse veröffentlicht hatte. Den Vorsitzenden dieses Gremiums, Sean Ryan, hatte Rörig vor zwei Jahren zu einem Hearing nach Berlin eingeladen.

Kritik der Opfer

Auch Adrian Koerfer, ehemaliger Schüler der Odenwald-Schule, erhofft sich viel von einer solchen Kommission. Nach wie vor gebe es für die Betroffenen keine Ansprechpartner. Diese Sprachlosigkeit der Schulverantwortlichen „macht uns fassungslos“. Und er ergänzt: „Niemand ist uns wirklich wohlgesonnen, auch heute noch nicht!“

Die Vizepräsidentin des Deutschen Kinderschutzbundes, die Frankfurter Soziologin Sabine Andresen, denkt bei einer fehlenden Aufarbeitung auch an ihren Verband sowie an Vertreter der Reformpädagogik. Andresen, die auch dem Fachbeirat des Missbrauchsbeauftragten angehört, betont, viele Netzwerke, innerhalb derer Missbrauch möglich geworden sei, seien bislang nicht ausreichend untersucht worden. Ihr Verband erwarte in wenigen Wochen den Bericht einer unabhängigen Aufarbeitung.