Traumzeit-Musik für offene Ohren und Herzen

Electric Ladypop mit Laing in der Gebläsehalle.
Electric Ladypop mit Laing in der Gebläsehalle.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Musikgenuss trifft Industriekulisse. Das lockte am Wochenende Tausende Besucher in den Duisburger Landschaftspark Nord.

Duisburg.. Die „Traumzeit“ im Landschaftspark Nord ist eine Perle unter den Festivals in der Musik-Republik. Hier, im Duisburger Stadtteil Meiderich, treffen Jahr für Jahr drei Tage lang namhafte Bühnenstars und aufstrebende Hoffnungsträger auf ein ebenso offenes wie lustvoll feierndes Publikum – vereint an vier Bühnen vor spektakulärster Industriekulisse. Tausende strömten auch diesmal, und für alle, die mit offenen Ohren und Herzen kamen, wurde es tatsächlich traumhaft.

Vom einstigen Fokus auf Jazz und Weltmusik mit Szenegrößen und überschaubarem Publikum hat sich die „Traumzeit“ getrennt. Nach einer finanziell bedingten Zwangspause wagten die Macher vor zwei Jahren den Neustart mit der Öffnung zu Rock (gern deutschsprachig), Pop und klassisch angehauchten Elementen. Der Plan, ein neues, jüngeres Publikum anzusprechen, ging auf: Die Besucherzahlen erreichen inzwischen die Kapazitätsgrenzen. Unter den Künstlern hat sich die Einzigartigkeit dieser Spielstätte inmitten beleuchteter Industriekulisse längst herumgesprochen.

Fiesta Texicana mit Calexico

Deshalb kommen auch viele gern wieder – wie die Wüstenrocker von Calexico, Headliner des Auftaktabends am Freitag. Sänger Joey Burns und seine Mitstreiter brauchten einen gewissen Anlauf, doch ihre Mischung aus Folk, Rock und Mariachi brachte die Kraftzentrale schließlich zum Tanzen. Dabei outete sich Burns als Fan des Knappenchors Homberg, der mit dem Steigerlied das Festival eröffnet hatte.

Großartig nahm sich aus, wie Olli Schulz & Band als Mitternachts-Gig die alte Gießhalle rockten. Dabei überzeugte Schulz nicht mit klug-absurden Songtexten allein, sondern auch mit Entertainer-Einlagen – Publikumsbeschimpfung, Kalauer und fabelhafte Anekdoten inklusive. Emotionaler Höhepunkt: die letzte Zugabe, als Schulz mit seiner Gitarre den Oasis-Klassiker „Wonderwall“ anstimmte. Den Gesangspart übernahm das beseelte Publikum. Gänsehaut vorm Gutenachtkuss.

Wer sich am Samstag über das Festivalgelände treiben ließ, erlebte etliche Facetten deutschsprachiger Musik. Es gab wunderbar Poetisches von „Käptn Peng und den Tentakeln von Delphi“, progressiven Rap von Ok Kid, gesungene Lebensweisheiten von Niels Frevert und charmante Lieder des Radio-Dauergastes Philipp Dittberner, die ohne unplugged haarscharf am Schlager vorbeischrammten.

„Normalerweise feiern wir dreistündige Orgien mit Luftballons, Schaumparty und Gedicht-Workshops“, sagt Käptn Peng alias Robert Gwisdek – was man ihm sofort glaubt, wenn man die Masken und Haarteile auf der Bühne sieht und die Untermalung der geistreichen Reime mit (Kontra-)Bass und diversen Haushaltsgeräten hört. Genau wie später die Jungs von Bilderbuch, die zu den heißesten Musikexporten Österreichs zählen.

Später am Abend ist es dann die Schweizerin Sophie Hunger, die zeigt, dass sie zu Recht ein Headliner ist. Am Klavier sitzend zaubert sie eine wunderbar intime Atmosphäre auf die Bühne. An der Gitarre wiederum ist sie die Kraftvolle. Ihre englischen Texte sind oft mit melancholisch-sphärischen Klängen unterlegt, das erinnert an Björk. Mit französischen Texten wandelt sich Sophie Hunger zur Chansonette, mit deutschen zum Fräulein Pop. Frenetischer Jubel. Da ließ sich auch niemand vom immer mal einsetzenden Regen die Sommerlaune verderben. Tausende tanzten in Strickjacke vor den Bühnen oder saßen im Pullover am Fuße des Tauch-Gasometers in ei­nem Strandkorb.