Tränen der Rührung und Freude

Sophie Hunger bei Ihrem Auftritt in der Gießhalle
Sophie Hunger bei Ihrem Auftritt in der Gießhalle
Foto: Peters
Was wir bereits wissen
Auch im dritten Jahr nach dem Neustart sucht die Traumzeit im Duisburger Landschaftspark Nord nach einer neuen musikalischen Identität. Die scheint das Festival gefunden zu haben.

Duisburg.. Auch im dritten Jahr nach dem Neustart sucht die Traumzeit im Duisburger Landschaftspark Nord nach einer neuen Identität. Die scheint das Festival gefunden zu haben. Irgendwo auf dem Weg zwischen dem Moers Festival und Haldern Pop. Überraschenderweise funktionieren bei der 2015er Auflage die Künstler am besten, die auch im alten, an Jazz und Weltmusik orientierten Konzept denkbar gewesen wären: Sophie Hunger und die nimmer müden und immer schönen Calexico.

Die Band um Joey Burns und John Convertino zelebriert ihren flirrenden Südwestsound nun schon fast 20 Jahre und acht Alben lang und verwandelt am Freitag selbst die kalte, dunkle Kraftzentrale in eine gleißend heiße Halbwüstenlandschaft. Was hier allerdings heult, sind nicht die Coyoten, sondern die Stimme von Joey Burns, die Gitarre von Jairo Zavala oder die gestopften Trompeten von Martin Wenk und Jacob Valenzuela, die fröhliche Mariachifetzen auf den sorgsam gewebten Saitenteppich verteilen.

Nikotinraue Stimme des Sängers Marco Michael Wanda

Da möchte sich der Besucher den Staub von den Cowboystiefeln schütteln, an eine Agave lehnen, einen Tequila kippen und den Schlangen beim Klappern zusehen. Allerdings nicht im heimischen Tucson/Arizona, sondern in Duisburg/Ruhrgebiet. Ein Umstand übrigens, der den Musikern sympathisch bewusst ist. „Es ist phantastisch, wieder an einen so inspirierenden Ort zurück zu kehren“, freut sich Burns bei den Zugaben. Selbst für eine ausgesprochen fleißige Tourband wie Calexico, die bereits 2009 auf der Traumzeit zu Gast war, ist die alte Hütte eine ganz spezielle Location.

Ausgesprochenes Glück hatten die Veranstalter übrigens mit der frühzeitigen Buchung der österreichischen Band „Wanda“. Für einen Kasten Bier und ein paar Brötchen auf der Verpflegungsliste hatte das Quintett noch im vergangenen Jahr unterschrieben, bevor ihr Album „Amore“ Feuer fing. Jetzt wurden die Wiener in der Gießhalle ausgiebig abgefeiert. Dabei bieten sie doch kaum mehr als routinierten Rock mit halbprovokanten, schwarzhumorigen Texten an. Ihr Hit „Bologna“ zum Beispiel spielt mit den Inzestphantasien („Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen, obwohl ich gerne würde“) und könnte ebenso gut aus den Federn der Sportfreunde Stiller stammen.

Was die Band allerdings besonders auszeichnet, ist die nikotinraue Stimme des Sängers Marco Michael Wanda, der wie ein aus der Zeit gefallener Wurzelsepp in brauner Lederjacke und zerrissenen Vintagejeans über die Bühne fegt. Äußerst amüsant!

Das Prädikat hat sich Olli Schulz allemal verdient. Der Sänger und Schauspieler spart auch zu mitternächtlicher Stunde am Hochofen nicht mit schreiend komischen Anmoderationen seiner Songs. Die aber offenbaren stets noch einen doppelten und dreifachen Boden. „Als Musik noch richtig groß war“ vom neuen Album „Feelings aus der Asche“ gehört jedenfalls zu den schönsten Liebeserklärungen an die Rockmusik seit Don McLeans „American Pie“. Und wer bereit ist hinzuhören, erlebt einen ehrlich schönen Abend mit einer Träne im Augenwinkel, bei der man nicht weiß, ob es Tränen der Rührung oder der Freude sind.

Sophie Hunger sorgte für den musikalischen Höhepunkt

Der Samstag gehört zunächst einem kommenden Star: Joris, der in den vergangenen Monaten mit „Herz über Kopf“ für Furore gesorgt hat. So verirrt sich dann auch ein eher traumzeituntypisches Backfischpublikum in die zwei Nummern zu große Kraftzentrale. Die Band selbst tritt den Beweis an, dass gut ausgebildete Musiker - teilweise an der Popakademie in Mannheim – nicht zwangsläufig gut sein müssen. Alles klingt perfekt, aber stets eine Spur zu brav und bieder. Rockmusik völlig ohne Rebellion.

Für den musikalischen Höhepunkt des Festivals sorgt später die Schweizer Musikerin Sophie Hunger in der Gießhalle. Zunächst scheint es so, als ob die Atmosphäre, die gigantischen Rohre, der gegenwärtige Rost, die Schweizer Diplomatentochter eher zu hemmen und zu ängstigen scheint. Doch spätestens beim dritten Lied legt sie ihre Nervosität ab und interpretiert ihre Melange aus Pop, Jazz, Folk und Chanson in englischer, französischer und deutscher Sprache brillant.

Trotz mittlerweile fünf viel beachteter und ordentlich verkaufter Alben mit teilweise großartigen Songs (1983, Das Neue) hat Sophie Hunger noch keinen richtigen Hit vorzuweisen. Daran ändert selbst die neue Single „Love is Not the Answer“ aus dem aktuellen Album „Supermoon“ nichts. Es scheint, als ob Sophie Hunger nur im großen Format, auf CD- und Konzertdistanz funktioniert. Das allerdings perfekt. Mit viel Charme und Klasse spult sie ihr Programm ab, angetrieben von einer exzellenten Band, aus der der Franzose Alexis Anerilles am Piano und an den Blasinstrumenten herausragt. Frenetischer Applaus und drei Zugaben. Zu Recht. Denn wer diese Frau nicht mag, kann auch Pop-Musik nicht lieben.