Tim und Struppi: In 80 Jahren um die Welt
08.01.2009 | 13:28 Uhr 2009-01-08T13:28:00+0100
Er hat keine Frau, hat keine Familie, hat nicht einmal eine Freundin.2 Nur einen Hund. Aber der weicht ihm nicht von der Seite. „Milou” heißt der Vierbeiner im Original. „Tintin” wird sein Herrchen gerufen. In Deutschland sind sie besser bekannt als „Tim und Struppi”. Seit mittlerweile 80 Jahren
Und noch immer finden sie neue Fans. Anders ist jedenfalls nicht zu erklären, dass sich jährlich rund drei Millionen Tim & Struppi-Alben verkaufen. Alte Geschichten wohlgemerkt. Denn mit dem Tod von Tims geistigem Vater Herge´ im Jahr 1983 versiegte auch der Nachschub an Geschichten. Niemand, hatte der Zeichner verfügt, solle seinen Helden am Leben erhalten. Wahrscheinlich, mutmaßte selbst Herge´s Witwe Fanny damals, seien der rasende Reporter und sein treuer Vierbeiner schnell vergessen.
Ein Irrtum, wie die Gesamtzahl von rund 200 Millionen mittlerweile verkaufter Comics zeigt. Und für den Hergé-Experten und Buchautor Michael Farr auch kein Wunder. Er führt die zeitlose Beliebtheit des ungewöhnlichen Duos auf die simple und damit unverwechselbare Weise zurück, in der Hergé zeichnete. Und auf die vielschichtigen, humorvollen Geschichten. Kinder fänden die Abenteuer spannend, Erwachsene die politische Satire oder die Wortspiele.
Von alldem ist allerdings noch nicht viel zu spüren, als sich Tim am 10. Januar 1929 im „Kleinen Zwanzigsten”, „der Jugendbeilage der Brüsseler Zeitung „Le Vingtième Siècle” (Das 20. Jahrhundert) erstmals auf die Reise macht. Stupsnasig und knopfäugig, in Trenchcoat und Knickerbockern und schon nach einigen Seiten mit einer Tolle im rotblonden Haar, macht er sich mit seinem Hund auf nach Osten. „Tim im Lande der Sowjets” heißt die Fortsetzungeschichte, von der sich Herge´ später ebenso distanzieren wird, wie vom Nachfolger „Tim im Kongo”. Voller Klischees ist das Debüt, durchsetzt von Rassismus Band zwei.
Hergé glaubte nicht an ein langes Leben seiner Geschöpfe
Das liegt nicht nur an der enormen Geschwindigkeit, mit der Herge´ damals arbeitet. Es liegt, vermuten Experten, nicht zuletzt an seiner eigenen politischen Naivität, mit der er sich im zweiten Weltkrieg auch bei den in Belgien einfallenen Nazis arrangiert.
Schneller als zum Inhalt findet Herge zur äußeren Form, zu dem, was heute „ligne claire” genannt wird. Er lässt alles Überflüssige weg, verzichtet auf Schraffuren, auf Schatten und auf Geschwindigkeitslinien. Gleichzeitig aber stattet er seine Bilder mit immer mehr Details aus, mit Fahrzeugen, Maschinen oder Gebäuden, die dank intensiver Recherche sehr vorbildgetreu sind.
Tims große Zeit beginnt in den 50er Jahren. Nicht nur, weil er da in seinem vielleicht besten Abenteuer sogar bis zum Mond reisen darf. Sondern, weil Herge´ ihm da ein eigenes Universum geschaffen hat. Mit Charakteren, die den eher langweiligen - weil stets perfekten - Titelhelden - grandios ergänzen. Den fast tauben Professor Bienlein haben Tim und Struppi kennengelernt, die tollpatschigen Polizisten Schulze und Schulze und natürlich Kapitän Haddock, den wahrscheinlich einzigen Kinderbuchhelden, der ungestraft dem Alkohol zusprechen und fluchen darf. 1800 Schimpfwörter kennt er er. Hat mal jemand nachgezählt.
Es ist ein Universum, das Hund und Herrchen bis heute auch in deutsche Kinderzimmer trägt. Als Comic, als Hörspiel, wahrscheinlich bald als Realfilm. Müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn das kein Erfolg wird.
Oder mit hunderttausend heulenden Höllenhunden.