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Tim Bendzko will den Erfolg genießen

24.05.2013 | 19:31 Uhr
Tim Bendzko will mit seinem zweiten Album "Am seidenen Faden" beweisen, dass er nicht zufällig oben steht.Foto: Sony

Berlin.   Das zweite Album ist immer das schwerste, aber der Mann, der Deutschland das geflügelte Wort „Nur noch schnell die Mails checken“ bescherte, gibt sich auch angesichts des neuen Albums „Am seidenen Faden“ unbeschwert. Ansonsten will er mal den New York Marathon laufen. Er muss nur noch anfangen zu trainieren.

Tim Bendzko ist ein Mann von bemerkenswerter Gelassenheit. Sitzt brav im Büro seiner Managerin in Berlin Mitte, am Tisch, trinkt irgendeine fiese süße Brause mit fragwürdiger Geschmacksrichtung und gibt dermaßen gern und bereitwillig Auskunft über sein Schaffen, dass aus der avisierten halben Gesprächsstunde fast eine ganze wird. Der spektakuläre Erfolg seines Debütalbums und speziell der pefekte Zeitgeist-Singlehit „Nur noch kurz die Welt retten“ haben aus dem 28 Jahre alten Berliner Sonnyboy einen der angesagtesten Popstars Deutschlands gemacht. Jetzt muss Tim Bendzko mit seinem zweiten Album „Am seidenen Faden“ beweisen, dass er nicht zufällig oben steht.

Ist Tim Bendzko der FC Bayern der deutschen Popmusik?

Tim Bendzko: Nein, ich halte den Erfolg, der mir passiert ist, nicht für eine logische Folge meiner Arbeit. Die Bayern sind mit riesigem Vorsprung Deutscher Meister geworden, doch sie feiern das kaum. Weil sie schon wieder an den nächsten, noch größeren Erfolg denken. Dieses Denken ist mir fremd. Ich will das genießen, was ich erreicht habe. Ich möchte nicht wie ein Geisteskranker von Erfolg zu Erfolg springen und mir sagen „Wie kann ich das jetzt alles noch toppen?“

Du hast nach Deinen Triumph also wild Party gemacht?

Bendzko: Nee, das nicht. Wenn ich mal ein paar Tage Zeit hatte, bin ich lieber einfach mit Genuss faul gewesen. Oder ich habe mich endlich, anderthalb Jahre nach dem Umzug, mal um meine neue Wohnung kümmern können, mich mal ein bisschen nett eingerichtet. Und ich habe mir einen Traum erfüllt und die Rennlizenz gemacht. Früher habe ich immer erzählt, falls ich nicht Sänger werde, obwohl ich ja eigentlich mit 11 schon wusste, dass ich das mal sein würde, dann werde ich Rennfahrer. Zum Geburtstag habe ich eine Runde auf dem Lausitzring geschenkt bekommen.

Denkst Du, Du hast den Erfolg verdient?

Bendzko: Das ist genau die Frage, die ich mir die ganze Zeit stelle. Ich weiß es einfach nicht. Man darf sich das alles nicht zu Kopf steigen lassen. Mir ist das suspekt. Ich freue mich einerseits unendlich, gleichzeitig aber gibt es diese Grundskepsis in mir – warum gerade ich? Ich werde den Teufel tun, mich darauf jetzt auszuruhen. Ich neige ja sowieso dazu, alles zu hinterfragen und an allem zu zweifeln, das ist auch eines der Hauptthemen auf der neuen Platte.

Hast Du als leidenschaftlicher Hinterfrager denn eine Ahnung, was der Grund für deinen Erfolg ist?

Bendzko: Nö. Es gab ja mehrere Sänger, die etwa gleichzeitig mit mir am Start waren. Ich denke, „Nur noch kurz die Welt retten“ war ein Lied mit großem Aufhorcheffekt. Auch der Satz mit dem „Mails checken“ wurde so richtig zu einem geflügelten Wort. Bei „Mails checken“ müssen die meisten Leute jetzt sofort an mein Lied denken. Es ist ein Wunder, ein Lied zu haben, das so etwas mit den Leuten macht. Wenig später kam der „Bundesvision Song Contest“…

... wo Du mit „Wenn Worte meine Sprache wären“ haushoch gewonnen hast.

Bendzko: Ja. Dadurch kam so ein Hype in die ganze Geschichte.

4000 für Bendzko

Wieviel ist Deiner sympathischen Art und Deinem guten Aussehen geschuldet?

Bendzko: Na ja, das mit dem Aussehen ist so eine Sache. Kein Mensch auf dieser Welt kauft eine CD, nur weil ich blonde Locken habe und ein hübscher Kerl bin. Also, ob ich überhaupt hübsch bin, wäre dann auch noch die Frage (lacht).

Woran hast du gemerkt, dass du jetzt Teil der Popkultur bist?

Bendzko: Als Otto Waalkes mein Lied coverte und es zur Frage bei „Wer wird Millionär“ wurde. Ich saß nichtsahnend vor dem Fernseher und dachte: „Gibt’s doch nicht“.

Tim Bendzko auf Zollverein

Auch in der Eurokrise wurde die Phrase „Nur noch kurz die Welt retten“ gerne benutzt, häufig in Zusammenhang mit Angela Merkel.

Bendzko: Stimmt. Wobei die Idee natürlich nie gewesen war, eine Hymne zur Krise zu schreiben. Sondern ein Lied, das davon handelt, vorgeblich etwas irre Wichtiges zu tun, in Wirklichkeit aber nur herumzutrödeln.

Ist „Wo sollen wir nur hin“ vom neuen Album ein politischer Song? Du singst Zeilen wie „Wir haben es satt, in eurem Schatten zu krepieren“. Klingt nach Aufbegehren der Jugend gegen das Establishment.

Bendzko: Mir geht es mehr um die Kritik an diesem Gefühl des „Mitmarschierens“. Wir dürfen nicht alles schlucken und hinnehmen, was uns vor die Nase gesetzt wird, auch und gerade von den Medien nicht. Ich will zum Hinterfragen aufrufen.

CD-Kritik
Tim Bendzko: Vom Weltenretter zum Winterhasser

Erst musste er noch kurz die Welt retten - jetzt wettert Tim Bendzko gegen den Winter. Das zweite Album „Am seidenen Faden“ schreibt sein Debüt fort, schafft es aber nicht, sich vom Vorbild Xavier Naidoo zu lösen. Dabei ist er der angenehmere Sänger, weil er nicht so oft ins Schwülstige abgleitet.

Was sind für dich die Hauptvorteile des Berühmtseins?

Bendzko: Ach, ich muss mich nicht dafür bejubeln lassen, wenn ich irgendwo auf einer Party den Raum betrete. Ich bin von Beruf nicht Prominenter, sondern Sänger. Ein Unterschied zu früher ist, dass man weniger anstehen muss und schneller alles kriegen kann.

Auch Mädchen?

Bendzko: Haha, theoretisch ging das wohl schneller. Praktisch wird das aber total schnell uninteressant. Ich möchte niemandem für drei Minuten Spaß in mein Leben lassen, das überlasse ich anderen. Für mich gilt immer schon, auch vor der Karriere: Lieber ein enges Verhältnis mit wenigen Menschen als viele Menschen nur so halb zu kennen.

Und was erhoffst Du Dir vom neuen Album? Titelverteidigung?

Bendzko: Ich setzte mir gerne große Ziele, aber habe nur kleine Erwartungen. Und nächstes Jahr möchte ich unbedingt den New York Marathon laufen. Das ist mein heimlicher Plan, ich muss nur noch anfangen zu trainieren.

Steffen Rüth



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