Das aktuelle Wetter NRW 13°C
Ruhrfestspiele

„Tiger Lillies“ liefern Schräges von gestern

09.06.2010 | 18:10 Uhr
„Tiger Lillies“ liefern Schräges von gestern
Die Tiger Lillies bei den Ruhrfestspielen. Foto: Reiner Kruse

Recklinghausen.Drei Männer, einer grell geschminkt. Sie singen von Einsamkeit und von bunten Pillen. Eine gehörige Portion Nostalgie klingt mit beim Auftritt der „Tiger Lillies“ bei den Ruhrfestspielen.

Nostalgie kann glücklich machen, oder melancholisch. Die Ruhrfestspiele, die sich nicht entscheiden können, ob sie lieber fabelhaftes Theater oder schlichte Unterhaltung zeigen wollen, haben tief in die Kiste gegriffen und etwas rührend Langweiliges herausgeholt. Fast ist man verdutzt: Ja, das war mal Kult, darüber haben wir uns amüsiert wie Bolle; und, ja: die drei alten Männer, die sich seit 21 Jahren „Tiger Lillies“ nennen, waren damals innovativ – zielstrebig verletzend, witzig und so schräg wie möglich. Jetzt sind sie nur noch eine Erinnerung an sich selbst und an uns, wie wir mal waren, und wie die Zeit war. Sie ist jetzt anders.

Ein Gackern, ein Jodeln

Ein Song, der mit schriller Genugtuung erzählt, wie nervende Babys aus dem Fenster geworfen werden, war richtig, als er Tabus brach. Seit wir täglich lesen, dass es kein Tabu mehr gibt, fehlt dem Stück jede Dimension, und auch der morbide Charme, der im Bekenntnis zur Bosheit steckte, ist verflogen wie der Zeitgeist.

Drei Männer; einer ist grell geschminkt. Sie singen von Einsamkeit unterm einsamen Mond und was leider mit Pretty Lisa geschah, von bunten Pillen, die gegen alles gut sind und ein Lied wie ein Gackern, ein Jodeln: Suizid wegen Love, juchhe. Nein, mitklatschen möchte man heute nicht mehr zu diesem angejazzten Ge-schrummel, zum Gefistel von Martyn Jacques, der eher ein Kräh- als ein Countertenor ist. Am ironischen Schlagzeug, das mit dem Gummihammer behauen wird und vor Schreck umfällt, baumelt ein nacktes Plastikhuhn, soviel Verfremdung muss sein. Doch diese blasphemischen, diese pornografischen Töne machen niemanden mehr ernsthaft an.

Der Saal ist nur dreiviertel voll, als sie spöttisch Jesus am Kreuz besingen und einen, der ein Schaf liebt; nein – einen, der mit einem Schaf Liebe macht und dabei quasi kannibalische Träume hat. Was haben wir gelacht, damals. Doch das nicht Normale, nicht Angepasste, nicht Korrekte ist längst zum Prinzip geworden, und die Abgründe der menschlichen Seele sind hinlänglich bekannt. Die Rebellion der bösen Jungs hat sich selbst eingeholt. So gnadenlos ewigkeitlich, so großartig alltags-nihilistisch wie im Refrain: Was bedeutet das? Nichts! sind die Tiger Lillies leider nur selten.

Am Schluss standen drei alte Männer am Ausgang, hielten ihre Alben in die Höhe und riefen lustig: CD! CD! Also, weil sie Engländer sind: Sssidi! Sssidi! Das war vermutlich hoch komisch gemeint, wirkte aber eigentlich nur traurig.

Termine: 10.,11.,12.13. Juni, Tickets: Tel. 02361/92180

Gudrun Norbisrath

Facebook
 
Kommentare
10.06.2010
15:22
Blockierter Kommentar.
von Oer.ps | #1

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/3320432/create

Aktuelle Fotos und Videos
Schweden gewinnt ESC
Bildgalerie
Fotostrecke
Das 10. Rock Hard
Bildgalerie
Festival
Tanzhommage an Queen
Bildgalerie
Kultur Pur 2012
Musiker im ESC Finale
Bildgalerie
ESC 2012
Aus dem Ressort
Künstler wirft der Documenta-Leitung Zensur vor
Ausstellung
Streit um die Documenta in Kassel: Die evangelische Kirche wollte zur Documenta-Zeit vor einer Kirche ebenfalls Kunst zeigen. Dagegen wehrte sich die Documenta-Leitung - und muss sich nun den Vorwurf gefallen lassen, Zensur zu betreiben.
Türkischem Pianisten Fazil Say droht Haftstrafe
Regierungskritiker
Dem bekanntem türkischen Pianisten Fazil Say drohen eineinhalb Jahre Haft. Say soll auf Twitter den Islam beleidigt haben. Die türkische Justiz ermittelt wegen des Verdachts auf Volksverhetzung. Say hat auch eine Verbindung nach NRW.