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Kammerspiele

Theaterstück als Versuchsanordnung verpatzter Chancen

10.11.2009 | 11:42 Uhr
Premiere von "Hautnah" in den Kammerspielen Bochum. (c) Birgit Hupfeld Fotodesign
Premiere von "Hautnah" in den Kammerspielen Bochum. (c) Birgit Hupfeld Fotodesign

Bochum. Tiefere Bindungen zwischen Menschen sind unmöglich, doch auch das Alleinsein fällt schwer. Sehnsucht und Misstrauen, Wünsche und Verdächtigungen sind Themen in Patrick Marbers viel gespieltem Stück „Hautnah”, zurzeit an den Bochumer Kammerspielen.

Die Worte „Ich liebe Dich” werden oft gesprochen wie ein Sachstandsbericht und nicht als Ausdruck höchster Gefühlsaufwallung. Doch noch sind Menschen keine Roboter und so bricht Wut oder Leidenschaft immer wieder aus ihnen heraus, in einer Mischung aus Sehnsucht und Misstrauen. Eine ungeliebte Distanz indessen wird nie ganz aufgegeben in der Inszenierung von Patrick Marbers Stück „Hautnah” in den Bochumer Kammerspielen.

In diesem Quartett liebäugelt irgendwann jeder mit jedem, doch nicht aus einer zwanghaften Automatik heraus wie in Schnitzlers „Reigen”. Der seichte Boulevard ist allerdings ebenso fern, auch wenn hier der Mittelstand seziert werden soll; eher erinnert das wortkarge Hin und Her der Wünsche und Verdächtigungen an den frühen Fassbinder: Zwar ist hier die Liebe nicht kälter als der Tod, doch sind diese beiden Paare – durch Skepsis verunsichert – zu tieferen Bindungen nicht mehr fähig. Und das, obwohl sie darum zeitweise mit Inbrunst zu kämpfen scheinen. Selbst das Alleinsein will nicht gelingen.

Un-Ort bar jeder rettenden Requisite

Zu dieser Versuchsanordnung der verpatzten Chancen passt die graue Bühnenbild-Schachtel von Nehle Balkhausen, ein Un-Ort bar jeder rettenden Requisite. Regisseur Christoph Mehler stellt die schnell geschnittenen Szenen, zwischen denen ein treibender Rhythmus pulst, wie isoliert in den Raum.

Aus den reduzierten Dialogen, die vor Plattitüden nicht gefeit sind, formen die vier hervorragend aufgelegten Schauspieler eindringlich das lastend-intensive Abbild einer Gesellschaft, die mehr möchte als sie bekommen kann.

Ordinäre Vokabeln

Wie sonnig betritt Sascha Nathan als Larry die Szene, bevor der praktizierende Arzt sein Heil im Eigennutz sucht. Claude De Demo spielt die Fotografin Anna kühl und selbstbewusst, Marc Oliver Schulze als erfolgloser Schriftsteller Dan scheint zunächst eine gewisse Souveränität zu besitzen; doch wo kein wirkliches Miteinander möglich ist, wachsen Ratlosigkeit und Irritation. Nur die Alice der Sandra Gerling scheint zeitweise in sich zu ruhen: Doch dann spielt Alice ja auch noch ihre Rolle als Stripperin.

Patrick Marber verzichtet in seinem 1997 geschriebenen Stück leider nicht auf jene ordinären Vokabeln, die damals von britischen Autoren bis zum Überdruss als vermeintlich scharfe Würze in die Dialoge gestreut worden sind. Heutzutage kann solcherlei Straßenjargon nur noch ein müdes Stirnrunzeln erzeugen. Derlei rotzige Deutlichkeit schmälert sogar – als verschalt-modische Attitüde – die Eindringlichkeit des staubtrockenen verbalen Schlagabtauschs des auseinander driftenden Vierergespanns.

Kartenreservierung unter: 0234/ 33 33-55 55

Werner Streletz

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