Essen

Theater: Deutschland ist „Satt“

„Satt“: Jele Brückner, Floriane Kleinpaß
„Satt“: Jele Brückner, Floriane Kleinpaß
Foto: Marianna Salzmann

Essen. . Regisseur Moritz Peters inszeniert Marianna Salzmanns neues Stück „Satt“ am Schauspiel Essen.

Was ist nur los mit euch? Was am Ende in Marianna Salzmanns jüngstem (ihrem zweiten) Theaterstück als Frage einer Mutter an die nachfolgende Generation steht, zieht sich durch „Satt“, so der mehrdeutige Titel der Arbeit der jungen Autorin mit russischen Wurzeln. Mittelpunkt in diesem Vier-Personen Drama, das jetzt am Essener Schauspiel zum zweiten Mal nach der Münchener Uraufführung im März neu inszeniert wurde, ist Goscha, ältere Tochter der Ärztin Larissa, die die ehemalige Sowjetunion verließ, um im „Wunderland“ Deutschland ein neues Leben aufzubauen.

Goscha kommt nie an im Land, das sie als das der Bildungsbürger beschreibt, mit seiner „Leitkultur“, deren Sprache sie spricht, die sie dennoch nicht versteht. Die jüngere Schwester lebt längst in der Parallelwelt des Internets, mit einer Kunstsprache aus Floskeln und Abkürzungen, in die weder Mutter noch Schwester eindringen. Goscha hat alle(s) satt, auch die Überflussgesellschaft, durch die sie sich mit ihrem Freund Steff „containert“, von dem lebt, was Supermärkte in Müllcontainern entsorgen.

Sonst streifen beide durch U-Bahnschächte. Steff plant etwas „Großes“, Goscha will dabei sein, wenn er ein „Zeichen“ setzt. Am Ende geht etwas schief, Goscha ist tot. Aber auch ihre Schwester Susanna, die vom Ausflug in die reale Welt nicht zurückkehrt. Marianna Salzmann führt in abrupten Dialogen Parallelwelten vor, stellt Fragen, die sie natürlich nicht im Sinne des Theaters als Erziehungs- und Lehranstalt beantwortet. So etwas macht moderne Dramatik nicht mehr. Man legt allenfalls Finger in Wunden, an denen die Gesellschaft leidet, reißt Themen an. Das reicht nicht immer, aber doch für anderthalb intensive Stunden.

Dafür sorgen die Schauspieler, die Regisseur Moritz Peters so auf- und gegeneinander treibt, dass Entspannung erst gar nicht aufkommt. Alle sind gleichzeitig auf der breiten Spielfläche der Casa. Alle spielen an einer Wand entlang, die an die Betonelemente der einstigen Berliner Mauer denken lässt (Bühne: Lisa Marie Rohde). Dahinter? Goschas und Steffs Container, die Cyberwelt, aus der Sibylle Mumen-thaler als Susanna wie ein Kobold, eher noch Kind als Frau, mal eben in die reale Welt der Mutter hüpft. Ein simpler Küchentisch, Blümchen, Stühle: Nur eine alte Holzkiste „Wein aus deutschen Landen“ verrät etwas von bürgerlicher Sehnsucht nach Genuss und Lebensart der Larissa, die Jele Brückner in russischer Dauer-Melancholie, aber dennoch vibrierend anlegt.

Am anderen Ende der Mauer das Matratzenlager der Zornigen. Dort plant Jannik Nowak als kühl taktierender „Politkopf“ Steff sein „Zeichen“, das „Große“. Das geht daneben, wie ein zerplatzter Luftballon, aus dem der Staub schließlich auf Goschas Kopf rieselt. Die ist tot. Mit Jannik Nowak und Floriane Kleinpaß als wunderbar changierender Goscha rundet sich das Quartett zum jungen Ensemble mit Potenzial. Das hilft auch „Satt“ auf die Sprünge.