The Who in Oberhauen – Das Rock’n’Roll-Saitengewehr

Cool: Peter Dennis Blandford Townshend
Cool: Peter Dennis Blandford Townshend
Foto: FunkeFotoServices
Ein halbes Jahrhundert in zwei Stunden: Pete Townshend und Roger Daltrey entzücken mit „The Who“ rund 9000 Fans in der Arena von „Ohrensausen“.

Oberhausen.. Es gehört ein gewisser Mut dazu, mit über 70 auf die Bühne zu klettern, um dort so laut wie möglich zu hoffen, man möge sterben, bevor man alt wird. Für Pete Townshend (71) und Roger Daltrey (72) wird es täglich knapper. Aber feige waren die beiden noch nie, auch wenn sie im Gegensatz zu Keith Moon (1946-78) und John Entwistle (1944-2002) nach über einem halben Jahrhundert voller diversester Superlative die Exzess-Überlebenden bei „The Who“ sind.

Die verbliebene „Who“-Hälfte, neben den Rolling Stones die mutmaßlich älteste und gelegentlich lauteste Rockband der Welt, erspielte sich neun Jahre nach ihrem ersten Gastspiel im Schatten des Gasometers in der Nacht zu Sonntag noch einmal einen Triumph der besonderen Art. Die Tour heißt mit schönem Doppelsinn „The Who Hits 50“ – die erste Single war 1965 „My Generation“. Und doch waren es eher elegisch angelegte Konzeptalben-Stücke wie „Love Reign O’er Me“, die das Rund der Arena zum Glühen brachten.

Intravenös in die Glieder, ohne unnötige Umwege

Die nicht allzu komplexen Akkorde von „M-m-m-m-y Generation“ fahren allerdings immer noch intravenös in die mehr oder minder gut erhaltenen Glieder, ohne unnötige Hirn-Umwege. Und der immer coolere Pete Townshend, möchte man glauben, beugt seinen Rücken nicht unter der Last der Jahre, sondern weil er mittlerweile Tonnen von Gitarren getragen und in Anschlag gebracht hat. Heute werden sie zwar nicht mehr in Verstärker oder Boxen gerammt oder schwungvoll auf dem Bühnenboden zertrümmert, da könnte er ja gleich Schlaghosen tragen oder kilometerlange Koteletten. Aber die Gitarre ist immer noch Townshends Abwehrwaffe gegen die Zumutungen dieser Welt, ein Saitengewehr, das ihm die Körperspannung eines jugendlichen Rebellen schenkt, dieser Dreschflegel peitscht seine Fender nach vorn gegen die stärksten Feinde des Rock’n’Roll, die Gleichgültigkeit, die saturierte Sattheit, Konformität. Den Spreizsprung kriegt er nicht mehr hin, aber seine Windmühlen-Schläge lässt dieser Don Quichotte des Gitarrengetöses noch im Dutzend kreisen.

Der Innenraum der Arena war bestuhlt. Kann schon sein, dass es so wirkt, als hätten nicht wenige Fans das nötig. Aber: Sie stehen, staunen, tanzen vom ersten Ton an – wer wären sie denn auch? Sie mussten jedenfalls sehr lächeln über den Großleinwandsatz: „Bitte Ruhe bewahren – jetzt kommt The Who“. Es wurde eine Halbjahrhundert-Zeitreise in zwei Stunden.

Am Ende sind alle - ja: glücklich

Ja, Roger Daltrey hat mit schwindendem Stimmumfang zu kämpfen, wie alle Sänger seines Alters. Dass er das mit etwas opernhaft-theatralem Tremolo auszugleichen versucht, verliert sich zum Glück im Laufe der Zeit. Aber daneben klingt Townshend, weiß der Himmel nicht das größte Gesangstalent auf Erden, weit mehr nach Bock auf Rock. Sein „I’m The One“ hätte man sich auch gut als Unplugged-Version vorstellen können.

Pino Palladino ist ein souveräner Leisetreter am Bass, der gar nicht erst versucht, einen kantigen Donner wie der legendäre Entwistle zu erzeugen. Auch Zak Starkey, wie schon vor neun Jahren an den Drums, hat nicht die explosive Anarchie des völlig verrückten Keith Moon – aber wie einer so kraftvoll und elegant zugleich die Felle und Becken bearbeiten kann, das macht staunen und, tatsächlich, glücklich. Das war denn auch die Gefühlslage, mit der die meisten der 9000 Fans die Halle verließen. Wer weiß schon, ob die Herrschaften in weiteren neun Jahren noch jung und trotzdem nicht tot sind.

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