Tausende Nägel - Kunstsammlung NRW zeigt Günther Uecker

Total vernagelt: Günther Uecker in der Kunstsammlung NRW.
Total vernagelt: Günther Uecker in der Kunstsammlung NRW.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Der Künstler aus Mecklenburg mit der Wahlheimat und Werk-Stadt Düsseldorf in der Kunstsammlung NRW: Das Beste von Günther Uecker aus sechs Jahrzehnten.

Düsseldorf.. Ja, das ist der mit den Nägeln, der Mann, der Nägel in Leinwände, Kaufhäuser, Klaviere, Möbel, Schiffe, Schuhe und Nähmaschinen trieb. Aber er ist auch der Mann, der verstörende Bühnenbilder entwarf und mit einem „Terrororchester“ gegen den Terror randalierte, der Mühlen tanzen und Stühle Bindfäden weinen ließ; der sich nach Tschernobyl in Asche wälzte und nach dem Massaker vom Tian’anmen-Platz aus 19 bemalten, beschriebenen und zerrissenen Leinwänden einen „Brief an Peking“ installierte, der für Navajo-Indianer kämpfte und für eine Kunst, die nicht aus der Kunst kommt und sich nie genügt.

Kunst aus den„Turbulenzen der Gefühle“

Seit 50 Jahren schon lebt, lehrt und arbeitet Günther Uecker in Düsseldorf. Kurz vor seinem 85. Geburtstag im März widmet die Kunstsammlung NRW dem großen Internationalen jetzt seine erste Museums-Ausstellung in der Stadt, die dem „rohen Bauern aus Mecklenburg“ nicht zur Heimat-, aber zur „Werk-Stadt“ geworden ist.

Ausstellungen Eine Retrospektive sei das aber nicht, sagt er, noch in bekleckster Latzhose. Um eine vollständige Werkschau zu fassen, würden alle Museen der Stadt zusammen nicht ausreichen. Also haben Uecker und die Kuratorinnen Marion Ackermann und Stefanie Jansen ein „Best of“ versucht. Dass bei den „Schlüsselwerken“ jenes 20-Meter-Stalin-Porträt fehlt, das der gelernte Reklamegestalter einst für eine große SED-Feier zu malen hatte, wundert nicht. Seit er 1953 die DDR verstört und ernüchtert verließ, seit seinem Studium bei Otto Pankok in Düsseldorf hat Uecker allen Weisungen und -ismen entsagt und mit seinem mecklenburgischen Dickschädel vorzugsweise verschlossene Türen eingerannt.

60 Werke, darunter Fotos im großen "Werkstatt"-Komplex

So sehen wir in der Grabbehalle den „freien“ Günther Uecker, der nur Kunst werden lässt, was „die „Turbulenzen seiner Gefühle“ erzwingen: Die Briefe an Peking, die „Verletzungswörter“ in 57 Sprachen, die auf Tuch vor Augen führen, was der Mensch dem Menschen antut, wenn er Worte wetzt; eine große „Sandmühle“; das dustere „Black Mesa“ für die Navajo-Indianer, die in Arizona gegen den Uran-Abbau unter ihrem heiligen Tafelberg kämpfen. Und das spektakuläre „Terrororchester“, das auf Knopfdruck gegen die Wut und die Angst anrasselt, -scheppert, -schnarrt, -trötet und -rumpelt „wie ein empörtes Kind mit dem Kochgeschirr seiner Mutter“. Das ist Kunst, die nicht aufs Museum zielt, sondern auf eine bessere Welt, Besucher sind zum „Musizieren“ herzlich eingeladen.

Museen Unter den 60 Werken gehen die Fotos im großen „Werkstatt“-Komplex fast unter, die einst Hilla Becher von Ueckers Licht-Pfeil-Aktionen schoss. Und wie der große Theodor W. Adorno 1959 eine Uecker-Ausstellung eröffnete? Die Gesamtkunstwerkkneipe „Creamcheese“? Nicht wichtig genug... „ZERO“, das international gefeierte deutsche Dreigestirn Piene, Mack, Uecker findet Solo nur am Rande statt. Uecker scheint sich heute noch mehr als Ende der 50er-Jahre nur als „stiller Gast“ dieser „bürgerlich-intellektuellen Bruderschaft“ zu empfinden und die große ZERO-Zeit, die auch seine Weltkarriere beförderte, als Episode.

Ganz selbstbewusst werden dagegen rund 25 seiner berühmten Nagelflächen präsentiert. Die fangen an mit der faszinierenden „Hommage an Yves Klein“, den Pariser Avantgardisten, sein Freund und Ehemann seiner Schwester Rotraut, aus Kleins Todesjahr 1962. Die Nagelfelder, für Uecker sind sie „Tagebücher“ und seine in die Welt gehämmerte „Autobiographie“, werden eindrucksvoll beschlossen mit dem „Weißen Phantom“ von 1995: groß, großartig.

Die Nagelbilder – zum Schwindeln und Schwärmen

Es ist schwer, vor diesen Arbeiten, für die heute Millionen bezahlt werden, nicht ins Schwärmen zu geraten: Wir stehen, bis uns schwindelig wird, vor wuchtig-fili­granen Nagelfeldern aus Licht und Schatten, die wogende Weizenfelder sein können oder Spiralnebel, Dokumente einer manischen Wut oder einer betörenden kontemplativen Zartheit. Ueckers Nägel verrammeln und fixieren nicht nur, sie öffnen auch: Räume, Gefühle, Träume. „Ein Künstler ist ein Erfinder“, hat er einmal gesagt, „ein Erfinder von Ideen, die sich visuell realisieren lassen, die als Gleichnisse einer geistigen Entwicklung dienen können“. Was Scheitern und Ratlosigkeiten einschließt, aber eben auch die Schönheit und die Hoffnung.