Region
Tanz ums Metropolen-Kalb - auch im Ruhrgebiet
04.08.2010 | 19:32 Uhr 2010-08-04T19:32:00+0200
Ruhrgebiet.Metropolen, das waren „Mutterstädte“. Heute sind es Millionenstädte, Marketing-Argumente und Magneten für Reichtum und Macht. Die selbsternannte Metropolregion Ruhrgebiet hat davon vieles - aber vieles auch nicht.
Im Jahr 2007 lebten weltweit erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land, Tendenz steigend. Damit hat sich die Konkurrenz zwischen den Städten weiter verschärft. Sie wird zunehmend mit den Mitteln der Stadtwerbung ausgetragen, und das umso lauter, je schwerer es die Städte haben, den Ansprüchen von Bürgern im Alltag gerecht zu werden.
So greift das Stadtmarketing immer mutwilliger zum Begriff der Metropole, weil er nach innen ein Lebensgefühl suggeriert und nach außen Selbstvertrauen demonstriert.
Metropolen, das waren „Mutterstädte“, wie die Übersetzung der griechischen Wortwurzel lautet: Städte, die andernorts Ableger gebildet haben, Kolonien und Provinzen, um sie zu beherrschen und auszusaugen.
Heute sind Metropolen Millionenstädte. Die steigende Einwohnerzahl bei wachsendem Bruttosozialprodukt gehört zum Kern des Metropolendaseins. Aber die Einwohnerzahl ist nicht alles. Vielmehr ballt sich hier politische und wirtschaftliche Macht. Und die kulturelle Avantgarde brütet Trends von morgen aus.
Bei alledem macht das Zentrale den Unterschied: In Metropolen laufen Fäden zusammen und sie werden zu Magneten. So gelang es Metropolen wie Rom, Paris, Moskau und Berlin, ihren Reichtum zu steigern, obwohl man selbst nichts produziert außer Machtstrukturen.
Ständige Zufuhr von Neuem und Fremden
Das wiederum erhöht Quantität wie Qualität von Lebens- und Handlungsmöglichkeiten. Deshalb sind Metropolen Magneten, Projektionsflächen für Hoffnungen. Sie leben auch von Einwanderung und Verschiedenheit. Die ständige Zufuhr von Neuem und Fremden macht sie geschult in der Integration, in der Umarmung des Fremden zum Zwecke der eigenen Bereicherung. Mitunter macht es sie auch zum Krisenherd.
Die schiere Menge der Einwohner einer Metropole, die hohe Zahl von Menschen pro Quadratmeter, schlägt in eine neue Qualität städtischer Strukturen um: Wo die Hauptschlagadern des Verkehrssechs-, acht-, zehnspurig sein müssen und der Individualverkehr trotzdem zusammenbrechen würde, wenn es nicht ein ausgeprägtes U-Bahn-, S-Bahn- und Busnetz gäbe.
Dieser Quantensprung an Urbanität spiegelt sich in einer Architektur, die sich in Dimensionen und Proportionen geradezu körperlich spürbar von dem unterscheidet, was die Metropole umgibt. Dabei geht es nicht nur um Skylines von Hochhäusern, Arenen, U-Bahnen und Flughäfen, sondern auch um ihre Bauart, die Machtbewusstsein ausdrückt.
Von alledem hat die selbsternannte Metropolregion Ruhrgebiet etwas, aber vieles auch nicht: Es hat fünf Millionen Einwohner, aber es werden immer weniger. Selbst in Kerngebieten liegt die Siedlungsdichte bei gerade einmal 2100 Einwohnern pro Quadratkilometer. Das hat auch Vorzüge. Nicht von ungefähr ist es, wie Auswärtige so gern staunen, „aber“ schön grün hier: Es ist noch Platz für Pflanzen.
Im Revier ist fast nichts zentral, es besteht aus geballter Peripherie. Dass es rasend schnell aus Dörfern zusammengewachsen ist, bleibt bis heute spürbar.
Maß des Menschlichen
Das Ruhrgebiet, in dem ein Jahrhundert lang Milliardenwerte geschöpft und produziert wurden, ist heute nur noch reich an Tradition, Subventionen und Schulden. Und es gibt kein zusammenhängendes Nahverkehrsnetz, das diesen Namen verdient hätte, schon gar nicht nach zehn Uhr abends. Es gibt keinen internationalen Flughafen – es sei denn, man könnte Düsseldorf und Köln eingemeinden. Mit den Rheinmetropolen bekäme die Region auch das hinzu, was sie am wenigsten hat: Machtzentren.
Aber vielleicht liegt der eigentliche Charme des Ruhrgebiets da, wo es gerade keine Metropole ist, sondern sich einen gewissen Kleinstadt-Charme erhalten hat. Wo es sich das Maß des Menschlichen erhalten hat, anstatt – in alten Verhaltensmustern befangen - nach dem Riesenhaften, ja Gigantischen zu streben.

09:28
Dortmund ist für mich kein Ruhrgebiet mehr, es ist ein Ausläufer, das Ruhrgebiet endet, also für mich, hinter Recklinghausen.
05:36
Und die Kommentare bestätigen genau das Problem, wir hängen als zersplitterter Haufen überschulderter Mittelgroßstädte in unserm Trauerloch und wehren uns trotzdem vehement gegen jede Art von Veränderung.
Und #5, klar sind die echten Metropolen Deutschlands auch überschuldet, aber komischerweise sind die nicht so handlungsunfähig wie wir. Vielleicht liegts ja dran, dass unsere Städte unter Zwanghaushalten von drei verschiedenen Bezirksregierungen stehen...
05:22
Seit Jahrzehnten degeneriert in den Vorstädten eine Lebensweise die von Bewahrung, Stillstand, Reaktion Intoleranz beschränkte Wahrnehmung, Engstirnigkeit Dogmatismus usw. geprägt ist. In Folge keine Chancen, keine Perspektiven keine Entwicklung keine Zukunft. Wahrscheinlich wird das degenerieren bis zum Verschwinden. Gegenentwicklungen können nur lokal stattfinden. das eine Dorf wird es schaffen einen Anschluß zu finden das andere nicht. Sprechen wir uns nach der Überalterung wieder.
01:27
#6 von Mure
Sehr guter Kommentar.
01:27
Die einzige Stadt die meiner Meinung nach was verändern will und tut ist Dortmund. Das ist sehr gut erkennbar an den architektonischen Veränderungen im Bereich des Stadtzentrums, siehe Dortmunder U und RWE-Tower, etc. Das Ganze sieht nach Stadt aus und fühlt sich auch so an.
Bochum, Essen, Duisburg etc. sind da noch verdammt hinterher ... und ich hab da echt meine Zweifel ob dort irgendwann (in diesem Leben) nochmal was passieren wird.
00:16
es gibt schon ein zusammengehörigkeitsgefühl im ruhrgebiet. viele sagen doch gerne und aus überzeugung ich komme aus dem ruhrgebiet und das nicht erst seit das kulturhauptstadt-spektakel läuft. ich weiß nur nicht, warum man sich eigentlich grundsätzlich mit anderen städten vergleichen muss. und warum muss überall ein label drauf geklebt werden? wie metropole... imagekampagnen mögen ihre funktion haben. aber warum besinnt man sich nicht mal auf die realen stärken der region anstatt ständig irgendwas darstellen zu wollen, was man nicht ist. von daher gefällt mir der tonfall dieses artikels sehr gut. wir sind keine metropole. wir sind so wie wir sind und das ist ok so. das ruhrgebiet sollte sich auf seine stärken und seine einzigartigkeit in all dem chaos besinnen, an seinen problemen arbeiten, aber ohne ständig irgendwelchem leeren trendgeschrei hinterher zu hecheln. verreckt am minderwertigkeitskomplex. mir wurde kürzlich zugetragen, dass so mancher kreativwirtschaftler seine offizielle adresse nach berlin, hamburg ect verlagert, weils schicker aussieht, aber in wahrheit sein büro zuhause im ruhrgebiet hat und hier arbeitet. wenn das nicht grotesk ist...
23:50
@6 Da bleibt nur ein herzliches Wowereit ;-)
23:41
Das Ruhrgebiet ist und bleibt das was es ist, da können die ganzen Willigen machen was sie wollen.
Hier ist alles dreckig, die Leute passen alle nicht zusammen, jeder macht sein Ding, da kann man den Innenhafen machen, oder Kulturhaupstadt oder Stillleben.......
Es ist und bleibt das was es ist, unruhig, Malocherviertel Deutschland und halt unsauber. Sicherlich lassen sich hier Firmen nieder weil der Preis der Miete ein anderer ist und die Leute auch günstiger beschäftigt werden können.
Aber das Ruhrgebiet wird niemals Frankfurt, Berlin, Hamburg oder gar München werden, es ist halt das Ruhrgebiet..........
21:19
Das Ruhrgebiet ist keine Metropole, sondern eine Ansammlung von einzelnen Städten. Und dies ist auch gut so, etwa im Wettbewerb um Wirtschaftsbetriebe. Es zieht nämlich nicht nur der Name der Stadt, sondern auch Infrastruktur, Höhe der Abgaben und Steuern usw. Wenn also ein Betrieb einen neuen Standort sucht, könnte Köln, Düsseldorf und die Metropole Ruhr um die Firma buhlen, oder aber Köln, Düsseldorf, Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen Mülheim, Oberhausen, Duisburg usw. Dies gilt für alle Investitionen aus der Wirtschaft. Was man auch deutlich erkennen kann, ist, dass je größer die Stadt ist, desto größer auch die Elendviertel werden. Selbst im Ruhrgebiet ist dies erkennbar, Viertel, wie Karnap oder Marxloh sucht man in dieser Größenordnung etwa in Mülheim oder Oberhausen vergebens. Je größer die Stadt ist, desto schwieriger scheint sie regierbar zu sein. Und wer glaubt, man könne durch die Zusammenlegung von Kommunen sparen, der soll sich doch mal die Schulden anderer großen Städte, wie Köln, Hamburg oder Berlin anschauen. Die Struktur, die das Ruhrgebiet hat, hat sich bewährt. Warum also sollte sie geändert werden?
20:24
@3 von Potthead
Träum weiter von der Ruhrstadt. Eine Metropole Ruhr wird es nie geben. Das scheitert allein schon am Heimatgefühl der Menschen.
Ein Gladbecker wird immer ein Gladbecker bleiben. Ebenso wird ein Wittener nie ein Bochumer.
Vor 35 Jahren gab es mal eine Neugliederung in NRW, da wurden rheinüberschreitende Kreise und Städte geschaffen. In den Köpfen der Menschen ist diese Neugliederung nie angekommen, weil man gewachsene Strukturen nicht einfach durch einen politischen Akt ändern kann.
Auch heute noch ist kein Homberger ein Duisburger und die aus Baerl werden nie ja zu Duisburg sagen. Dieses Heimat- und Zugehörigkeitsgefühl kann keine politische Grenzziehung beseitigen, auch in 100 Jahren nicht.