Tanz auf glattem Parkett für den „Big Brother“

Moers..  Am bitteren Ende steht Protagonist Winston Smith wie zu Beginn vor der Spiegelwand und nimmt seine Tanzhaltung ein: „Quick, quick, slow, slow“, zählt sich der Gebrochene wieder in den Takt. Selbst ein Märtyrer darf er nicht sein, damit sich die Macht erhalten kann: Eine packende Inszenierung von George Orwells „1984“ am Schlosstheater.

Subtil setzt Ulrich Greb mit Bühnenbildnerin Birgit Angele in seiner Inszenierung die Vision des Orwell’schen Überwachungsstaates um. Er verzichtet auf Kameras, stattdessen agiert das Ensemble vor einer Spiegelwand. Permanent beobachtet und kontrolliert hier jeder sich selbst und die anderen. Über allem lauert beklemmend spürbar die ständige Angst, nicht mehr zu funktionieren und aussortiert zu werden.

Der große Bruder schaut dabei immer zu – vielleicht hinter dem Spiegel, vielleicht als Tanzpartner oder als vermeintlicher Freund in einem System, das Liebe nicht zulässt. Umspült von seichter Tanzmusik, streng in Schwarz und mit Schildern auf dem Rücken, die an Häftlingsnummern erinnern, tanzen die Ozeanier für den Machterhalt. Dass Kostüme, Maske und Musik den spröden Charme der 1950er-Jahre versprühen, macht die Inszenierung paradoxerweise zeitloser.

Dazu passt, dass Winston (großartig: Patrick Dollas), als er mit seiner Beziehung zu Julia auf die Kraft der Liebe setzt, sich gemeinsam mit ihr die Tanzuniform vom Leib reißt. Eine grandiose Nacktszene, deren befreiende Albernheit man gerne genießen würde. Aber der Zuschauer weiß, wie es endet. Und bevor auf der Bühne mit Vorschlaghammer und Kneifzange erschreckend kunstvoll gefoltert wird, erfahren Winston und Julia noch eine Folter der besonderen Art: Mit einer live gesungenen Version von „Jenseits von Eden“ garniert Marissa Möller als Ampleforth den Verrat mit Schlagerzucker. Karten: Tel. 0 28 41 / 88 34-110