Tana French lässt die Immobilienblase nochmal platzen

Die Bankenkrise in Irland zwang so manchen in die Knie.
Die Bankenkrise in Irland zwang so manchen in die Knie.
Foto: AFP WP
Was wir bereits wissen
Ihr „Schattenstill“ ist ein richtig guter Kriminalroman aus Irland, zum Nachdenken einladend, ja zwingend. Wie Broken Harbour von einerm ärmlichen Badeort zuerst zu einer Yuppiesiedlung wurde - und dann wieder zu einer Geisterstadt: ein Musterfall für den „Irischen Tiger“.

Essen.. Warum die Krimis immer dicker – und natürlich teurer – werden? Weil sie so mehr Profit abwerfen, sagen die einen. Weil sie gern „richtige“ Romane wären, meinen die andern. Natürlich spricht vieles für die erste Antwort – aber hin und wieder gibt es auch Argumente für die zweite.

So zum Beispiel das neueste, vierte Buch von Tana French. Das ist eine junge Autorin aus Irland, die man vor allem nicht mit dem englischen Autorenpaar „Nicci French“ verwechseln sollte (das es allerdings ebenfalls schon auf die Bestenliste geschafft hat). Und dann darf man sich auch nicht von diesen dämlichen deutschen Titeln abschrecken lassen. Die werden inzwischen wohl von der Marketingabteilung gemacht und sollen vor allem eine „Marke“ kreieren. Das kennen wir ja schon von den Megasellern der Herren Larsson oder Adler Olsen.

Wer bleibt, hat keinen Rettungsschirm

Bei Tana French klingt das so: „Totengleich“, „Grabesgrün“, „Sterbenskalt“. Und nun also „Schattenstill“, auf Englisch heißt der Roman allerdings „Broken Harbour“. Das war ein ärmlicher Badeort nahe Dublin, bevor ihn der Bauboom der 90er Jahre zur Yuppiesiedlung und die platzende Immobilienblase wieder zur Geisterstadt machte. Wer dort noch bleibt, hat keinen Rettungsschirm. Und alles Schlimme ist auch schon passiert, wenn Kennedy & Curran von der Dublin Police an die Arbeit gehen. Eine der jungen, aufstrebenden Musterfamilien, die dort eingezogen waren, ist ausgelöscht: zwei Kinder erstickt, der Vater blutig erstochen, die Mutter in der Intensivabteilung.

Und dann erzählt „Rocky“ Kennedy, voller Selbstbewusstsein und Coolness, und zwar ganze 729 Seiten lang. Das ist gewagt, aber nie langweilig. Und zwar, weil Frau French es versteht, durch seinen Bericht hindurch ein ganzes Bündel anderer Geschichten zu erzählen, die miteinander verwoben sind: zunächst natürlich das Familiendrama der Spains, das sich Schritt für Schritt als Zerfall eines Lebenstraums enthüllt, den die unerbittliche Maschinerie der Wirtschaftskrise in Bewegung gesetzt hat. Aber auch „Rockys“ eigene Geschichte, dem in der Arbeit mit seinem jungen Kollegen die Selbstsicherheit verloren geht; auch weil ihn selbst und seine liebenswert-durchgeknallte Schwester Dina eine düstere Kindheitsgeschichte mit Broken Harbour verbindet.

All das ist detailreich erzählt, mit scharfem Blick gerade auch für die irischen Eigenarten; darüber hinaus zum Nachdenken einladend, fast zwingend. Ein „richtiger“ Roman? Jedenfalls ein richtig guter!