Taboris wilder Totentanz
11.05.2007 | 01:09 Uhr 2007-05-11T01:09:31+0200Recklinghausen. Dirty Don liegt im Bett. Gedanken, Pointen, Geistesblitze sprudeln aus ihm heraus. Eine Frau notiert sie. So könnte man es sich vorstellen, wenn der 92-jährige George Tabori ein neues Stück entwickelt. Sein Alterswerk "Gesegnete Mahlz
Der Dramaturg Hermann Beil und der kleinwüchsige Schauspieler Peter Luppa treten vor eine Brecht-Gardine. Sie zitieren Beckett, ein Gedicht über die Angst, dass es einmal nicht so weiter gehen wird wie bisher. Dann ziehen sie den dünnen Vorhang beiseite.
George Taboris neues Stück ist eine Sammlung von drei Szenen, die nur lose etwas miteinander zu tun haben. Zum Frühstück gibt der in seiner Matratzengruft vergrabene Dirty Don seine Aphorismen und kleinen Geschichten zum Besten. Der Boden ist übersät mit beschriebenem Papier, das Leben ist nur noch ein einziges Chaos, den Durchblick hat er längst verloren.
Zum Mittagstisch kommt ein amerikanischer Filmproduzent namens Professor Geil (Gert Kunath). Er will den immer agiler werdenden Don mit Dollars locken, sich als Drehbuchautor zu verpflichten. Dieser Vertrag ist ein absurdes, kafkaeskes Gesetzbuch, das die aufgedrehten Darsteller mit Slapstickeinlagen kommentieren.
Dahinter stecken George Taboris Erfahrungen in Hollywood. Er hatte für Alfred Hitchcock einmal ein Drehbuch geschrieben, aber verhindert, dass sein Name im Vorspann genannt wurde. Tabori fand den Film einfach zu schlecht.
Das Abendmahl schließlich wird poetisch, flirrend, leichtherzig, schwermütig. Typisch Tabori eben. Da erzählt Dirty Don von Venedig, wo ihn eine naive Prostituierte (Margarita Broich) besucht, für die Sex mit Fremden ein Hobby ist. Erzählt sie zumindest. Dirty Don entwickelt eine lyrische Liebestheorie, die Figur wird zu einer Mischung aus Tabori und Casanova.
Auf dem Schauspieler Veit Schubert lastet ein großer Teil des fragmentarischen Abends. Er schafft es, den Zauber der Zerbrechlichkeit mit großer Lebenslust zu verbinden. "Gesegnete Mahlzeit" ist kein gutes Stück. Die ersten beiden Szenen sind oft langweilig, viele Pointen bekannt, es geschieht wenig zwischen den Figuren.
Wer nicht um den in seiner Wohnung nahe beim Berliner Ensemble dem Tod luzid entgegen siechenden Tabori weiß, kann mit dem Text wenig anfangen. Doch als selbstironisches Requiem und melancholisch-wilder Totentanz hat die Aufführung ihren Charme. Der Dramaturg Hermann Beil hat sie szenisch eingerichtet und Tabori mit den Schauspielern oft besucht. Alle haben schon mehrfach mit der Theaterlegende zusammen gearbeitet.
"Gesegnete Mahlzeit" hat etwas Familiäres. Liebevoll gehen die Schauspieler mit Taboris Texten um, entdecken die albernen und zarten Seiten. Und der bald 93-jährige Tabori - so war am Premierenabend zu hören - schreibt schon wieder an seinem nächsten Stück.
Noch einmal am 12. Mai im Bürgerhaus Süd, Recklinghausen. Ab 15. Mai im Berliner Ensemble. Karten: 02361 - 92180. (www.ruhrfestspiele.de)
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