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Rockmärchen

Tabaluga dreht die Zeit zurück

11.11.2012 | 17:31 Uhr
Drache ohne Verschleißerscheinungen: Szene aus „Tabaluga und die Zeichen der Zeit“ in Dortmunds Westfalenhalle.Foto: Ralf Rottmann

Dortmund  Fünfmal eine volle Westfalenhalle, bald folgen Köln und Oberhausen: Peter Maffays zappeliger Zauberdrache mit Ballett und bewährten Größen bringt uns ein Stück über die Zeit, das vor allem von seinen aufwendigen Bühneneffekten lebt.

Es gibt Zeiten, die brauchen Märchen wie dieses. Sie wecken die Sehnsucht nach ihnen. Nach Fabeln, in denen alle Widersprüche aufgelöst sind, in denen der böse Feind ein guter Feind ist, ach was, ein Freund, und die zerrissene Welt eine heile Welt. Es gibt Zeiten, die brauchen den kleinen, niedlichen Zappeldrachen Tabaluga, und prompt bekommen sie ihn.

Nicht, dass die Märchenerzähler Peter Maffay, Helme Heine, Rolf Zuckowski und Gregor Rottschalk nicht gewusst hätten, auf was sie sich da einlassen. Im Gegenteil. In ihrer neuen, aufwendigen und bildstarken Show, die nach Premiere in Hamburg am Wochenende fünfmal die Dortmunder Westfalenhalle füllte, lassen die Musiker, Autoren und Zeichner gleich mal das Ballett ins Publikum ausschwärmen – als Heuschrecken, die den Besuchern noch mehr Geld aus der Tasche zaubern. „Time is Money“ heißt die Musik, zu der sie sich finanzakrobatisch bewegen.

Tabaluga in Dortmund.

Doch „Tabaluga und die Zeichen der Zeit“ ist eine ganz, ganz einfache Geschichte. Die Nachmittagsvorstellungen sind fast Kindervorstellungen. Als Basis darf man sich eine Art Stoffsammlung der Redewendungen und Sprichwörter annehmen, in denen der Begriff Zeit vorkommt. Kommt Zeit, kommt Rat. Zeit schenken, verlieren, totschlagen, vertreiben. Lebenszeit.

Satte Tanznummer

Eintagsfliegen, kurze Lebenszeit. Also macht das Maffay-Team eine richtig satte Nummer daraus, das Ballett mutiert zum Eintagsfliegenballett. Aber auch dem Menschen schlägt die Stunde. Also bekommt der Tod einen Auftritt. Komisch nur, er trägt eine rote Nase im Gesicht. Dem Schneemann ist in unseren Breiten ebenfalls keine lange Lebensdauer beschieden. Also kehrt Arktos zurück, der nichts mehr fürchtet als Tabalugas heißen Drachenatmen. Zurück aus den früheren Tabaluga-Shows.

Peter Maffay und sein Rockmärchenstar Tabaluga. Foto: Ralf Rottmann / WAZ FotoPool

Geht die Zeit linear? Gibt es ein eigenes Schneckentempo? Die Schnecke, behauptet sie jedenfalls selbst, kann die Zeit dehnen und entschleunigen. Sieh’ mal einer an, da ist Tabaluga plötzlich nah dran an der Raumzeit und der Relativitätstheorie.

Der Drache, auf der Suche nach der Zeit, ist ein gelehriger Schüler. Aber im Grunde möchte er immer nur eines: die Zeit zurückdrehen können, seine geliebte Lilli (aus „Tabaluga und Lilli“, 1993) noch einmal wiedersehen. Denn, so wohl die Botschaft: Zeit ist Liebe.

Das Publikum reagiert vor allem auf die Effekte

Dabei sind Tabaluga und sein Kosmos auch nicht mehr die Jüngsten. Vor dreißig Jahren erreicht die Figur zunächst den Klang der Welt – als von den Produzenten gar nicht geschätzte Schallplatte („Tabaluga oder die Reise zur Vernunft“). Erst mit „Lilli“ ging sie auf Reisen, wurde zur Show der Superlative.

Magier vom Dienst: Rufus Beck. Foto: Urs Müller

Eine gigantische Bühnenanlage – mit Steg und Treppen, Haupt- und Nebenbühnen –, füllt heute die Halle, das Publikum reagiert vor allem auf die Effekte. Nicht so sehr auf die Hintergrundfilme, die u. a. an Charles Chaplins „Modern Times“-Uhrwerkmaschinen erinnern, eher auf die einfachen Bühnenmittel. Am liebsten, wenn das weiße Wesen Zeit bühnennebelumhüllt aus der Unterbühne hochfährt. Da kommt Freude auf. Wortwitzchen („In der Truhe liegt der Saft“ statt „In der Ruhe liegt die Kraft“; „tabalüg’ mich nicht an“) gehen da leicht unter.

Auch die Nähe der Stars fühlt sich beglückend an – obwohl sie gar nicht zu sehen sind. Rufus Beck ist der Regisseur, im Schneemannkostüm steckt wieder einmal Heinz Hoenig. Als Kameliendame stehen gleich Julia Neigel, Sissi Perlinger und Uwe Ochsenknecht (!) bereit.

Die Musik nimmt sich nach flotten Nummern wie „Time is Money“ auch schon mal eine Aus-Zeit, also auch Zeit. Sie braucht die bunten Bilder sicher am allermeisten.

Nächste Termine: 23./24.11 (Köln), 8.12. (Oberhausen)

Rainer Wanzelius



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