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Syrischer Kunststudent bekommt Stipendium in Essen

23.12.2015 | 16:20 Uhr
Syrischer Kunststudent bekommt Stipendium in Essen
Ein leiser Mann, dieser Mohammad Adnan Al Taani. Selbst sagt er über sich: „Die Kunst ist der einzige Weg für mich, Gefühle zu äußern.“Foto: Sebastian Konopka

Castrop-Rauxel/Essen.  Mohammad Al Taani aus Syrien fiel im Flüchtlingsheim auf, weil er gut zeichnen kann. Nun macht er an der Hochschule für bildende Künste eine Mappe.

Es war noch in Syrien, da hat Mohammad Adnan Al Taani sich selbst gezeichnet. Das Bild ist fast schwarz, es zeigt einen Mann mit aufgerissenem Mund – er schreit. Tatsächlich aber ist dieser 22-Jährige niemand, der seine Angst herausschreit, seinen Schmerz und auch nicht seine Freude, jetzt, wo er Grund dazu hat. Al Taani ist ein stiller Mann, seine Stimme leise, sein Lächeln zaghaft. „Die Kunst“, sagt er, „ist der einzige Weg für mich, Gefühle zu äußern und zu verarbeiten.“

Ausdrucke aus dem Internet

Er darf das nun wieder tun, morgens schon, wenn er wie immer mit einer Idee aufwacht, und bis in die Nacht im Lampenschein – wie damals in Damaskus, wo Al Taani Kunst-Student war. Das kann er zwar nicht beweisen, er konnte ja nichts mitnehmen aus dem Bürgerkrieg. Er hat nur die Ausdrucke einiger Skizzen aus dem Internet. Doch „zeichnen kann er“, das sah Professor Stephan Schneider in Essen sofort. An dessen Hochschule der bildenden Künste (HBK) macht der 22-Jährige jetzt eine Mappe, darf vielleicht wieder studieren. Dieses Stipendium, sagt Al Taani, sei „ein Traum“.

Als erstes hat man ihm Stifte gegeben und Papier, das war ihm wichtiger als Schuhe. Mohammad Al Taani nämlich hatte immer noch Badelatschen an, Wochen nach seiner Ankunft in einem Flüchtlingsheim in Castrop-Rauxel, das war im Juni. Alle dort hatten wohl eher Augen für das Kind mit seinem lockigen Haar, die zweijährige Tochter seiner Schwester, die Al Taani getragen hatte durch all’ die langen Wochen der Flucht. „Wir haben“, sagt eine Betreuerin bedauernd, „ihn wohl übersehen.“

Er fiel dann doch auf, weil er die Kinder im Heim zeichnete. Die Bilder gefielen ihm nicht, „es ist nichts gegen das, was andere können“, sagt er bescheiden. Einen im Team der Unterkunft aber gab es, der erkannte das Talent, zeigte Zeichnungen von Al Taani in Essen. Dort liegt inzwischen ein ganzer Stapel Porträts, Bleistift auf Papier, der Künstler nennt sie „die Kinder von Syrien“. Traurige Gesichter, ein Mädchen mit blutender Wunde, die Botschaft aber ist: „Trotz Krieg und Blut, Kinder haben die Kraft, um ihre Zukunft zu kämpfen. Ihr kriegt uns nicht klein!“

Mohammad Al Taani ist ja selbst noch jung, er weiß, dass es in Syrien „keinen Menschen gibt, der keine Bomben gesehen hat und keine Toten“. Er kann dieses Deutschland noch immer nicht glauben: dass man hier im Dunkeln auf die Straße gehen kann, dass aus Flugzeugen keine Bomben fallen. Um einzeln parkende Autos macht er lieber einen großen Bogen, und wenn er von seiner Flucht erzählen soll, vom Schiffbruch im Mittelmeer und dem Fußmarsch durch Europa, dann zittern seine Hände, und seine Augen werden rot. Am liebsten erzählt er nichts.

Seinen Professor interessiert ohnehin mehr die Bildsprache: „Wie steht jemand in der Welt?“ Die Flüchtlingsproblematik, sagt Stephan Schneider, „betrifft uns als Künstler“. Gerade macht er ein Projekt zum Thema in seiner Kunstklasse, es geht um Transit und innere Wanderschaft, Irren und Scheitern. An der Hochschule wollen sie jetzt wissen, was Al Taani dazu beitragen kann; die digitalen Reproduktionen reichen nicht, auch nicht der Bleistift allein. „Er muss das ausbauen“, sagt Schneider. „Er könnte auch noch Maler werden.“ Jedenfalls muss die Mappe hinterher stimmen, es gibt keine Sonderregelung für Flüchtlinge an der HBK. „Wenn er überzeugt, kann er sich überall bewerben.“

„Kunst ist wie Wasser und Musik“

Mohammad Al Taani bewegt sich noch etwas unsicher über den Essener Campus, so, als könne er sein Glück gar nicht glauben. „Was ist das?“, ist die Frage, die er auch in Castrop-Rauxel am häufigsten stellt, wo er jetzt in einer Wohngemeinschaft lebt. Der 22-Jährige lernt Deutsch, er muss das auch um zu studieren. Und er will ohne Dolmetscher sagen können, was ihn bewegt: „Kunst ist wie Musik.“ – „Kunst ist wie Wasser, ohne gibt es kein Leben.“ – „Es muss auch Raum sein für Schönes.“

Zur Hochschule fährt er jetzt jeden Tag eineinhalb Stunden, so lange hat er auch in Damaskus gebraucht, nur ist der Weg weniger gefährlich. In Essen ist Mohammad Al Taani, der in Syrien kurz vor dem Examen stand, noch nicht einmal ein Erst-Semester. „Aber es gibt“, sagt er, „keinen Grund, nicht von vorn anzufangen.“

Annika Fischer

Kommentare
27.12.2015
09:11
Syrischer Kunststudent bekommt Stipendium in Essen
von Gerahs | #1

Ich hätte geschworen, dass das der Hippelhopser Sido ist!

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http://www.derwesten.de/kultur/syrischer-kunststudent-bekommt-stipendium-in-essen-id11406186.html
2015-12-23 16:20
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