Sweet Nothings - Schnitzlers Liebelei auf Englisch
19.05.2010 | 19:20 Uhr 2010-05-19T19:20:00+0200
Recklinghausen.Man hätte auch eine neue Geschichte schreiben können. Doch Luc Bondy hat sich von David Harrower Schnitzlers „Liebelei“ auf Englisch neu verfassen lassen. Kein ganz schlechter Versuch, aber auch kein großes Theater.
Natürlich bleiben die großen Themen der Menschheit durch die Jahrtausende immer gleich, die Kunst hat keine andere Wahl, als sie zu umkreisen: Liebe, Angst, Tod, Macht. Dass allerdings begüterte junge Herren arme süße Mädel mittels Charme und Champagner auf die Chaiselongue zerren, treibt uns derzeit weniger um.
Weshalb also hat sich Luc Bondy von David Harrower Schnitzlers „Liebelei” neu schreiben lassen? Auf Englisch, was schon sehr merkwürdig klingt, wenn aus Theo „ßiou“ wird. Auch dass von Schnitzler wenig übrig bleibt in Recklinghausen, müsste kein Fehler sein. Es bleibt aber das Falsche übrig.
Die Bühne von Karl-Ernst Herrmann ist ein Traum. Sanftsatte Rottöne und vorn ein üppiger Diwan, die Spielfläche ist eine kleine runde Plattform mitten in der Vestlandhalle; davor bildet eine Art Graben eine zweite Ebene, einen Untergrund. Er spielt dann aber gar keine Rolle, seine Möglichkeiten bleiben ungenutzt.
Flaschenöffnen, obszön
Am Anfang Marschmusik, und die Jungs, die auf Mizi und Christine warten, sind letztlich nicht ohne. „Warum bist du so fröhlich?“ fragt Fritz und Theodor antwortet: „Weil ich lebe.“ Das ist tiefsinniger, als es klingt angesichts der Weinflaschen, die nun angeschleppt werden. Zynischen Tiefsinn verrät Theodor auch mit seiner Weisheit: „Keine Frau hat das Recht, uns zu faszinieren.“
Dann aber werden Lebensgier und verächtliche Lust leider eine ganze Stunde lang ausgespielt, mit symbolisch obszönem Flaschenöffnen und kleinem Getümmel auf dem Sofa; Theo steckt den Kopf unter Mizis Rock und selbst die brave Christine lallt bald ganz schön. Bemerkenswert ist allenfalls, dass die Schauspieler in ihren altmodischen Kostümen, in diesem wunderbar plüschigen Ambiente so spielen, als wären sie auf einer Party nebenan, sehr lebendig, sehr direkt. Das berührt eigentümlich; es ist aber das einzige, was berührt.
Ein Hauch von Verderbnis
Fritz wird dann zum Duell gefordert, einer alten Geschichte wegen: Da lamentieren die Jungs rechtschaffen, aber was soll uns das? Totgeschossen wird heute nicht mehr, nicht wegen sowas. Die süßen Mädel sind süße Garnichtse, „Sweet Nothings“, wie das Stück bei Harrower heißt. Was Schnitzler betrifft, ist das ein nettes Wortspiel, mehr nicht. Es bleibt nichts von dem, was ihn ausmacht – eine gewisse Wiener Morbidheit, ein Hauch von Verderbnis und dunklem Eros. Der bedrohliche Widerschein von Liebe, Angst, Tod und Macht. Stattdessen coole Lebenssattheit und dekorativ drapierte Verzweiflung – da kann man schon fragen, wozu gerade diese Geschichte neu belebt werden musste. Man hätte ja auch eine neue schreiben können.
Am Schluss, als Christine erfährt, dass Fritz sich wegen einer anderen hat erschießen lassen, kommt für einen Moment fast doch etwas wie Betroffenheit auf. Nicht allzu sehr; zu bemüht ringt das immer noch süße Mädel die niedlichen Hände. Die eigentlich ganz fabelhaften Londoner Schauspieler können nur unterkühlt; wirkliche Emotion ist nicht ihre Sache.
Kein großes Theater, kein großer Applaus. Doch ein paar wackere Bravos in der halbvollen Vestlandhalle.
22:56
die WAZ könnte wenigstens jemanden in ein englisches Stück schicken, der auch Englisch kann
Die WAZ hat aber die Gudrun geschickt, und die lallt mal wieder ganz schoen.
15:06
Ob von Arthur Schnitzlers Stück noch etwas übrig geblieben ist, sei dahingestellt, aber die WAZ könnte wenigstens jemanden in ein englisches Stück schicken, der auch Englisch kann. Theo spricht man nicht ßiou aus (haben die britischen Darsteller daher auch nicht getan), und Sweet Nothings bezieht sich nicht auf die süßen Mädchen, sondern sind die süßen Worte, die ein Liebhaber seiner Freundin ins Ohr flüstert.