Sündige Plastik- und Textilcouture
01.08.2008 | 07:56 Uhr 2008-08-01T07:56:00+0200
Essen. Lack, Nylon, Schnüre: Julia Weinstock und Michaela Glasstetter machen Mode für den besonderen Geschmack. Eleganz, Verführung und Sünde, dafür steht ihr Label "Tolllkirsche". Den Designerinnen ist das nicht genug. Mit bunten Schalentieren gehen sie bald auf Expansionskurs.
Während der Konsumtempel am Limbecker Platz lautstark wächst, gedeiht auf der anderen Straßenseite ein bisschen Gegenkultur. In einem kleinen Atelier im dritten Stock des Essener Kreativen-Zentrums „Unperfekthaus“ hängen Miniröcke aus Lack, Taschen aus Plüsch, Broschen aus Plastik: Atelierbesuch beim Modelabel „Tolllkirsche“. Julia Weinstock (30) und Michaela Glasstetter (28), beide diplomierte Designerinnen, produzieren von hier seit drei Jahren Mode unter eigenem Label. Zurzeit in einem Raum, der beinahe überquillt mit gefüllten Kleiderständern, Stoffproben von Nylon bis Plastik und Schachteln voll von plüschigen Accessoires. Kreatives Chaos, eine Momentaufnahme zwischen verschieden Messen und Festivals. Geschäftstermine für das Team von Tolllkirsche.
Atropa Belladonna auf Latein und Deadly Nightshade, tödlicher Nachtschatten, auf Englisch: „Die Tollkirsche ist giftig, mal süß und verwunschen, mal düster und sündig“, erklärt Julia die Attribute, die Markenname und Mode verbinden sollen. Und „Tolllkirsche“ mit drei ‚L’, das ließe sich einfach besser googeln. Julia: „Wir haben aber gemerkt, dass ‚Kirsche’ ein schwieriger Name für den internationalen Markt ist. Viele wissen nicht, wie sie das aussprechen sollen.“ Missverständnisse, die sich aus der Welt räumen lassen.
Kennengelernt haben sich beiden Designerinnen mit Ponyfrisur und Pferdeschwanz beim Studium in Trier. Mit Diplom in der Tasche machten sie sich selbständig – ein Angestelltnverhältnis kam für beide nicht in Frage. Julia aus Heilbronn und Michaela aus Karlsruhe sind nicht zufällig in Essen gelandet. Die Standortwahl ist Ergebnis eines Businessplans. „Mit unserer Unternehmensberaterin haben wir eine Markt- und Kundenanalyse gemacht und sind dann nach Ausschlussverfahren vorgegangen“, erklärt Michaela. Szeniges Zielpublikum vorhanden, das Ruhrgebiet als Ballungsraum mit guter Infrastruktur und Essen als Zentrum – diese Argumente überzeugten am Ende. Schließlich arbeiten Julia und Michaela auch dauerhaft mit „zwei BWL-ern“ zusammen.
Multi-Kulti-Traum scheitert zunächst
Der Stil von Tolllkirsche sollte ursprünglich „bunt und spacig“ sein, inspiriert von der schrillen „Asian Streetfashion“: Mode, die Stilelemente und Details aus unterschiedlichen popkulturellen Szenen vermischt und neu kombiniert. „Das war der Grundgedanke, dass Leute aus verschiedenen Szenen in einen Laden kommen, sich verstehen und wohl fühlen.“, erklärt Julia. Weil der freundliche Bankberater sich aber in Sachen „Szenekultur“ nicht so gut auskennt, konkretisierte das Duo sein Konzept, „damit er sich das vorstellen konnte. Wir haben also eingeteilt in Goa-Techno, Rock ´n Roll und Gothic. Aber keine Manga-Mode.“
Vom Geldgeber abgenickt, von der Zielgruppe dann leider doch verschmäht. „In Deutschland funktioniert das so nicht. Da bleibt jeder in seiner Szene. Die Gothic-Leute können mit zu vielen Farben einfach nichts anfangen, die stößt man damit vor den Kopf“, Michaela spricht aus Erfahrung, der Multi-Kulti-Traum platzte – zunächst. Und es gab weitere Unwegbarkeiten: Die bunte Mode sollte auch Teenager, Szene-Einsteiger, ansprechen. „Die legen nicht viel Wert auf Qualität, die Teile müssen halt möglichst billig sein“. Aber „billig“ funktioniert nur in Massenproduktion. Davon halten nun die beiden Jungdesignerinnen nicht viel.
Unter dem Markennamen „Tolllkirsche“ vertreiben Michaela und Julia mittlerweile vorrangig Mode für die „dunkle Szene“. Mit deren Wünschen und Bedürfnissen kennen sie sich aus – gutes Material, ordentliche Verarbeitung, Maßanfertigung. Julia: „Wir sind selbst im Fetisch-Bereich aktiv. Das Publikum ist älter, erwachsener. Die Leute haben auch das Geld um für gute Qualität zu zahlen und wollen das auch.“ Mit Tolllkirsche hat sich das Duo auf Lack-, Folien- und Plastikmode spezialisiert. Auf den aktuellen Szene-Trend Latex wollen sie nicht aufspringen. „Da gibt’s auch schon viele gute Anbieter“, sagt Michaela.
Männer noch Männer sein lassen – in Korsetts
Pro Jahr gibt es eine Kollektion, die auf Messen wie der „Fetish Evolution“ in Essen und auf Gothic-Veranstaltungen wie kürzlich dem „Amphi-Festival“ in Köln präsentiert und verkauft wird. Eine Kollektion, das sind in jedem Frühjahr etwa 32 Teile und 18 komplette Outfits, 14 davon sind diesmal für Damen, vier für Herren. Zunehmend widmet sich das Tolllkirsche-Duo einer von der Mode vernachlässigten Spezies – den Männern.
„Wir designen seit einer Weile auch Herrenkorsetts. Die meisten, die es auf dem Markt gibt verleihen einen Dandy-haften, eher androgynen Look. Wir wollen auch Teile machen, die Männer noch Männer sein lassen“, erklärt Julia. Zum V-förmigen Oberkörper verhelfen notfalls also die richtigen Schnürungen. Aber es gibt noch mehr. „Das geht von Lack-Hotpants zur Weste mit Kniebundhose.“
Zu sehen gibt’s das und die Damenbekleidung im Katalog, den Tolllkirsche einmal im Jahr für Einzelhändler produziert. Die Mode aus Essen wird unter anderem in Boutiquen in Berlin, Köln und Frankfurt vertrieben. „In den ausgesuchten Geschäften soll es aber nicht nur Fetisch-Sachen geben, sondern auch 'normale' schöne Mode wie Abendroben, Korsetts und Dessous“, erklärt Michaela. Schließlich legen sie und Geschäftspartnerin Julia besonderen Wert auf Geschmack und Stil. Reine Fetischmode sei in ihrer Gestaltung oft eher „sexuell-funktional“.
Michaela und Julia schneidern dagegen vornehmlich aufwendige Röcke zu Preisen ab 150 Euro und Korsetts ab 160 Euro. Die edlen Schnüroberteile werden für die Kollektion in standardisierten Konfektionsgrößen angefertigt. Außerdem gehören Accessoires wie Taschen, aber auch klassiche Fetisch-Uniformen wie die Krankenschwester, das Zimmermädchen oder die Stewardess zu ihrem Repertoire. Und Outfits, inspiriert von Militäruniformen. „Die werden von Männern und Frauen gern getragen“, sagt Julia. „Seltsam“ ist im Fetischbereich sowieso nichts. Ein besonderer Anspruch der Designerinnen: „Wir wollen Teile zum Abwandeln machen: Einfach hier und da etwas hochziehen oder festschnüren und aus dem Alltagsoutfit wird ein Partyoutfit“, sagt Michaela.
Aufgemotzte Krebse in den Startlöchern
Auf Wunsch produzieren die Designerinnen auch nach Maß – wenn Kunden die notwendigen Daten übermitteln. Die Königsdisziplin ist allerdings die Maßanfertigung – dafür werden gleich mehrere Vor-Ort-Termine im Essener Atelier fällig. Das kostet ab 400 Euro. Weitere Preissteigerungen sind abhängig von Kundenwünschen und Accessoires – ein Korsett besteht immerhin aus 48 Stoffteilen, plus Ösen, Häkchen, Schnüre und weitere dekorative Spielereien.
In ihre handgefertigten Stücke stecken Michaela und Julia ihr ganzes Herzblut – und trotzdem fühlen sie sich mit der Produktion von der Tolllkirsche-Linie nicht ausgelastet. Und wenn der Szenen-Mix nicht funktioniert, dann eben alles ganz ordentlich getrennt. Steht also Tolllkirsche für Fetisch, Raffinesse und Erotik, dann soll „Pimp Shrimp“ zum Synonym für schrillen, bunten und manchmal niedlichen Kleinkram werden. Das neue Accessoire-Label steht in den Startlöchern. In Planung ist weiter eine dritte Marke für „Basics“: alltagstaugliche Kleidung, Blusen, Jerseykleider – das wollen sich die Schöpferinnen noch offenhalten.
„Wir können uns einfach so schwer begrenzen“, sagt Julia, die dabei wie entschuldigend mit den Schultern zuckt. Vom Unperfekthaus aus wird also weiter an Expansionstrategien getüfftelt. Michaela: „Wir sind in Verhandlungen mit einem Laden im Ruhrgebiet, in welchem wir dann unsere eigene Präsentations- und Verkaufsfläche bekommen. Irgendwann braucht man einen repräsentativen Laden als Anlaufpunkt für Kunden. Bisher haben wir das Geld aber immer lieber in die Firma investiert.“ Und in neue Ideen.
Zwischen Stoffschnippseln, Zeichnungen und Katzenbroschen aus Lack stapelt sich so auch die erste Kollektion des neuen Trendaccessoires der Szene: ein Mundschutz aus Nylon, passend zum Krankenschwesterlook etwa. Und gegenüber graben die Bagger weiter nach mehr Platz für Stangenware.
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07:10
Nein, wie sündig!
Und die Moderation muss kommentieren. Jetzt verstehe ich auch die manchmal arg blonde Löschknopfartistik, bei soviel Unabhängigkeit einer Moderation.
Schnell lösche, Kritik ist ja unerwünscht, oder?
19:30
Kirschkern, Schwarzwaldkirsch, Tolllkirsche? Ist nur mir die Ähnlichkeit aufgefallen? So individuell sind die Modemacher im Ruhrgebiet? Zufall? Alle die gleiche Idee zur gleichen Zeit gehabt?
15:52
Superschöne Klamotten sind das!