Das aktuelle Wetter NRW 5°C
Rassismus-Debatte

Streit um Kinderbücher - Ist Jim Knopf ein kleiner Neger?

05.02.2013 | 17:29 Uhr
Streit um Kinderbücher - Ist Jim Knopf ein kleiner Neger?
Pippi Langstrumpf, ehemals Tochter eines "Negerkönigs" - heute Nachkomme eines "Südseekönigs."Foto: WAZ

Essen.   Kinder leben jeden Tag mit Dingen, die sie sich erklären müssen. Als ein Verlag ankündigte, Worte wie "Neger" in Neuauflagen von Kinderbüchern zu streichen, empörten sich viele. Dabei macht die Vereinfachung von Jugendbüchern seit langem Schule. Ist das gut?

Das tapfere Schneiderlein der Brüder Grimm hockt auf seinem Tisch und langt, als es die Fliegen erschlagen will, die sein Mus-Brot umschwirren, nach einem Tuch hinunter in „Hölle“. Hölle ? Ja, so nannten Schneider früher das Durcheinander unterm Tisch. Kaum jemand weiß das noch. Und doch lassen auch neue Ausgaben des Märchens dieses rätselhafte Wort so stehen – kleine Verständnislücken und Fragwürdigkeiten nehmen Kinder leicht hin, sie leben ja Tag für Tag mit Dingen, die sie sich erklären müssen.

„Ad usum Delphini“

Anders sieht es mit der Anfangs-Szene des „Schneiderleins“ aus: Da schleppt sich eine Bauersfrau mit Mus-Töpfen drei Treppen hoch – und bekommt vom Schneider zu hören: „Wieg Sie mir doch vier Lot ab, liebe Frau, wenn’s auch ein Viertelpfund ist, kommt es mir nicht darauf an.“ Ein Lot, kaum jemand weiß das noch, waren rund 17 Gramm; der Schneider wollte 68 Gramm, zur Not aber auch 125 – während Mus eigentlich pfundweise verkauft wurde: Die Bäuerin war enttäuscht, der Schneider ist schon hier ein Aufschneider. Doch das versteht heute niemand mehr – Märchenbücher lassen diese Stelle heute oft weg.

Autorenstimmen
„Soll dann Jesus statt am Kreuz, im Altersheim enden?“

Die Kontroverse über den Wörteraustausch in Kinderbüchern, lässt auch Autoren wie Cornelia Funke und Helme Heine nicht unberührt. Wir haben nachgefragt, ob und wann Begriffe wie „Neger“ und „Zigeuner“ ersetzt werden sollten.

Und niemand protestiert.

Aber als der Thiemann Verlag im Januar ankündigte, in der Neuausgabe der „Kleinen Hexe“ von Otfried Preußler auf Begriffe wie „Neger“ und „Schuhwichse“ zu verzichten, schlugen die Wellen der Empörung hoch: Die einen verspürten einen Angriff auf die heile Welt ihrer Kindheit; andere sahen darin einen Auswuchs der „politischen Korrektheit“, von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion bis zum Lehrerverbandspräsidenten Josef Kraus wollten alle den ihnen vertrauten Neger behalten. Und befürchteten womöglich, demnächst „Schneewittchen und die sieben Kleinwüchsigen“ zu lesen.

Kinderbücher wurden seit jeher an aktuelle Bedürfnisse angepasst

Kinderbücher sind allerdings schon „bearbeitet“ worden, als es sie eigentlich noch gar nicht gab: Für Frankreichs Thronfolger, den „Dauphin“, wurden im 18. Jahrhundert „jugendfreie“ Klassiker-Fassungen von Homer bis Ovid erstellt, ebenso gekürzt um unzüchtige Passagen wie das Alte Testament (Hesekiel 23 etwa). „Ad usum delphini“, zum Gebrauch für den Dauphin, ist bis heute der Fachbegriff für den Zuschnitt von Büchern auf Kinder und Jugendliche.

Lesen Sie auch:
"Die kleine Hexe" bald ohne "Neger" und "Negerlein"

Der Stuttgarter Thienemann Verlag kündigt an, in Zukunft diskriminierende Begriffe wie etwa "Neger" und "Negerlein" aus dem Kinderbuchklassiker "Die kleine Hexe" von Ottfried Preußler zu streichen. Bereits vor vier Jahren wurden ähnliche Begriffe aus den Büchern von Astrid Lindgren verbannt.

Auch Joachim Heinrich Campes „Robinson“ (1779), der als erstes deutsches Jugendbuch gilt, ist eher eine Bearbeitung des Originals als eine Übersetzung. Von Coopers „Lederstrumpf“ bis zu Gustav Schwabs „Heldensagen“ las man im 20. Jahrhundert nur modernisierte, oft erheblich gekürzte Fassungen – wegen akuter Langeweiler-Gefahr.

Nicht gekürzt wurde Karl May; in seinen Romanen merzte man Fremdwörter aus. So wurde aus dem „Prinzipal“ einer Firma ein „Brotherr“, aus einer „Depesche“ eine „Drahtnachricht“. Im Eindeutschungswahn ließ man May an seiner „Handschrift“ arbeiten – im Original stand „Manuskript“.

Pippi Langstrumpf war einmal Tocher des Negerkönigs

Wenn heute Kinderbücher verändert werden, geht es darum, Missverständnisse zu vermeiden. In Preußlers „Kleiner Hexe“ sollen ja nicht Schwarze beschimpft werden; und beim Wort „Schuhwichse“ verfallen schon Kindergartenkinder ins Gibbeln.

Lesen Sie auch:
Preisgekrönte Kinderbücher, die sich wirklich lohnen

Warum gerade dieses Buch? Oft fragt man sich, warum eine Jury so und nicht anders entschieden hat. Nicht jedoch beim diesjährigen Deutschen Jugendliteraturpreis. Die prämierten fünf Bücher sind allesamt ein Gewinn.

Aber vielleicht ist es auch eine Art Überbehütung, Kindern jede Verständnisschwierigkeit aus dem Weg räumen zu wollen. Ganze Generationen haben sich werweißwas zusammengereimt, wie Pippi Langstrumpf als Tochter eines „Negerkönigs“ eine sehr blondhäutige, rothaarige Göre werden konnte. Astrid Lindgren hat das Wort Mitte der 20er-Jahre aus schwedischen Zeitungen aufgeschnappt. Da ging es um einen Schweden, der in der Südsee die Tochter eines Eingeborenen-Häuptlings geheiratet hatte und dessen Nachfolger wurde. Aber das ahnt man auch dann nicht, wenn in den Pippi-Langstrumpf-Ausgaben heute „Südseekönig“ steht.

Jens Dirksen



Kommentare
Aus dem Ressort
Finanzdebakel um Nürburgring wird zum Theaterstück
Nürburgring
Das Nürburgring-Debakel als Bühnenstück? Kein Problem, dachte sich eine Mainzer Theatergruppe. Und rief das Großprojekt "Nürburger Flughafenphilharmonie" ins Leben. Ähnlich verworren wie in der Eifel geht es auf der Bühne zu. Für das Publikum eine Herausforderung.
Grass schlägt Zwangseinquartierung von Flüchtlingen vor
Schriftsteller
Diese Idee hat es in sich. Literator-Nobelpreisträger Günter Grass kann sich vorstellen, dass Flüchtlinge bei Deutschen zwangseinquartiert werden. Falls ein Mangel an Unterkünften bestehe, sei das eine Option. So hätte man nach dem Zweiten Weltkrieg auch Flüchtlingen aus Ostpreußen geholfen.
Schrott aus Goebbels-Geburtshaus in Warschau
Kunstaktion
Trümmer, die für die Banalität des Bösen stehen. Der Künstler Gregor Schneider hat Schrott aus dem Geburtshaus von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels nach Warschau gebracht. Das ist eine gewagte Kunstaktion in einem Land, das besonders unter dem Nazi-Terror gelitten hat.
Subversive Komödie mit Jennifer Aniston und Christoph Waltz
Komödie
Im ersten Teil dieser Komödie wollten die drei Freunde Kurt (Jason Sudeikis), Dale (Charlie Day) und Nick (Jason Bateman) ihren fiesen Chef beiseiteschaffen. In „Kill the Boss 2“ will das Trio nun eine eigene Firma gründen. – Mit dabei sind auch Jennifer Aniston, Christoph Waltz und Kevin Spacey.
16-jähriger Duisburger Facebook-Star macht auf Justin Bieber
Facebook
Durch Facebook ist Eren Bektas, ein 16-jähriger Duisburger, zu einer kleinen Berühmtheit geworden. Der Schüler des Landfermann-Gymnasiums singt bekannte Lieder nach, stellt Videos davon ins Internet und zählt mittlerweile mehr "Likes" als der MSV Duisburg. Anfangs wollte er nur Mädchen beeindrucken.
Umfrage
Das Bundesverwaltungsgericht hat der Sonntagsarbeit engere Grenzen gesetzt. Wie finden Sie das?
 
Fotos und Videos