Still-Leben
Still-Leben auf der A40 - Tanz die Autobahn
18.07.2010 | 20:06 Uhr 2010-07-18T20:06:00+0200Ruhrgebiet.Was für ein Fest! 60 Kilometer mal mindestens zwei Fahrspuren waren noch nicht genug für seine Gäste, das ganze Ruhrgebiet war auf der Straße, auf seiner A 40: drei Millionen! Mindestens. Dass es Vergleichbares nie gab, hat man vorher gewusst.
„Picknick auf der Autobahn!“, ruft eine Frau im Vorbei-Flanieren, „ist es nicht herrlich?“ Herrlich! Das sagen sie ja alle, die schon am frühen Morgen mit ihrem Hackenporsche die Auffahrten hinaufziehen, mit Körben und diesem unsicheren Blick, als sähen sie die Straße zum ersten Mal: Ist das der Boden, auf dem ich sonst fahre, darf ich darauf wirklich laufen, gehört die A 40 uns? Vorsichtig setzen die ersten die Füße auf den Flüsterasphalt, staunend, und dann stürmen sie die Strecke, schwingen sich über die Leitplanken, auf sie mit Gebrüll! Es ist eine Eroberung.
Kartoffelsalat im Korb
Und Kartoffelsalat die Marschverpflegung. Frikadellen haben die Leute gerollt und den ganzen Sonntagsnachmittagskuchen in Tupper gestopft, nie sah man so viel Guglhupf auf einmal, es ist nicht nur die längste Tafel, auch die längste Tortentheke der Welt. Jeder bringt was mit, so hat es jeder Tisch geregelt, und jeder ist ein Mitesser, so regelt sich der Tag: „Nicht gucken, hinsetzen“ rufen die Ritter der Tafelmeter, „bitteschön, es ist genug für alle da“ und „nehmen Sie sich doch ‘n Kaffee“. So ist der Ruhri. Rührend. Nur muss man ein bisschen aufpassen, wo man sich hinsetzt: Wer zur Musikschule will, sitzt vielleicht schon den Linken auf dem Schoß oder statt auf der Kirchenbank auf der der Lesben nebenan.
Überhaupt war wohl nie so viel Gefühl für Gemeinschaft und auch für die Gegend. Man fotografiert sich gegenseitig, Oma und das Schild in Richtung Huttrop: Ich und meine Ausfahrt. Ungezählte führen ihre Liebeserklärung auf der Brust spazieren: „A 40. Ich war dabei.“ – „Metropole Ruhr.“ – „Ruhrgebeat.“ Sie tragen das neue „Still-Leben“-T-Shirt (und wer noch keins hat, kauft sich eins) und immer wieder Frank Goosens: „A 40. Woanders is’ auch scheiße.“
Dabei ist es gar nicht scheiße, hier feiert die Region sich selbst. Sie kommt mit Fahrrädern, Einrädern, Liegerädern, Dreirädern, Stützrädern, sie kommt auf Turn-, Walking-, Wander- und sogar Lauflernschuhen, und alle im Revier haben endlich einmal dasselbe Ziel. Man grüßt aus Richtung Duisburg herüber nach Richtung Dortmund, „hallo, ihr auch hier?“, singt gefühlte 50-mal das Steigerlied, und irgendwie versteht man an diesem Tag sogar Wolfgang Petry: „Wir sind das Ruhrgebiet!“
Kamelle! im Kostüm
Die von woanders gucken. Aus Bayern sind sie gekommen, aus dem Norden, aus dem Nachbarland, man sieht das an den Kennzeichen der Autos, die alles Ruhrgebiet neben der Autobahn heute zu einem Parkplatz degradieren. „Mutig“, sagen sie erstaunt, und Einheimische antworten dann so: „Das Ruhrgebiet is’ eben wat.“ Es ist: ein paar Castroper, die an der Lärmschutzwand turnen, die „Tunnelfunken“, die im Karnevalskostüm Kamelle schmeißen, und ein Bochumer, der auf der Leitplanke Mittagsschläfchen hält. Es ist singendes Wattenscheid mit Fiege-Fässchen und heute ein Kleinkind, das unter dem Biertisch auf der Autobahn spielt – mit Autos.
Die Gänsereiter haben ihren Tisch neben dem Kindergarten, die Motorradfreunde sind ohne Motorrad gekommen und die VW-Bus-Freunde ohne Bus. Musikanten aus Herne spielen einen Still-Leben-Blues in A – und das, obwohl sie eigentlich am Emscherschnellweg wohnen und nicht an dem der Ruhr. Es wird gewürfelt und Doppelkopf gespielt, Kinder bemalen Bergmannshelme, Opas spielen auf der Autobahn Fangen mit den Enkeln, und auf der Busspur ein paar Jungs „Müller“. Nur die BVB-Fans aus Soest-Börde sitzen etwas allein auf weiter Spur. In Gelsenkirchen! Gar nicht weit aber wird froh gesungen: „So schön war die Zeit!“
Zwar ist es nicht so, dass jeder Tisch ein Tophit wäre, manche sind am Ende frei geblieben und die meisten schlicht Esstische. So gesellig ist der Ruhrbürger schließlich, dass die Idee, ihm eine Tafel zu schenken, seinem Gemüt sehr nahe kam. Es wird also getafelt allerorten, „wir trinken nur“, antwortet in Dortmund jemand etwas kleinlaut auf die Frage nach seinem kulturellen Beitrag für die Autobahn. Aber ist Trink- etwa keine Kultur? Zumal in einer alten Bierstadt.
Stau mal wieder
Und auch die A 40 hat natürlich eine Alltagskultur, und die ist: der Stau. Um viertel nach elf schon steigen die Radler ein erstes Mal ab, und dann fügt es sich, dass sich nichts mehr fügt, wie an jedem normalen Tag des Jahres: in Gelsenkirchen, in Frohnhausen, in Frillendorf und Wattenscheid-West. „Wie immer“, sagen die Leute und lachen einander zu, weil sie ihre Autobahn da endlich wiedererkennen. Die Hassliebe, die jeden hier mit dieser Straße verbindet, ist ein Minus und Plus, macht: Gelassenheit. „Der Fluch des Erfolgs“ nennt es der Veranstalter. Weil so viele kamen, ist kein Platz mehr für viele; sie machen die Auffahrten kurzfristig dicht. Und schöpfen also aus der Erfahrung: eine „Zuflussregelung“.
Dass aber gar niemand gemosert hat, ist natürlich ein Gerücht. Wie dieses auch: „Das wird jetzt häufiger gemacht, die Leute wollen das.“ So wird es wohl doch nicht kommen, denn „Montag“, sagt Rolf Leimann in Wattenscheid, „Montag sind dieselben Leute wieder hier. Aber dann wieder in Blech.“

09:13
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15:37
Eine super Veranstaltung... so friedlich.....natürlich ist so eine Veranstaltung voll. wer denkt, er hat die Autobahn für sich alleine. hat sich wohl nicht genügend informiert...
Ich fand es klasse! ein großes Lob an alle Verantwortlichen
14:51
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13:39
Ich war mit dabei! Es war ein tolles Event. Würde mir zwar wünschen, dass es wiederholt wird ... allerdings ist doch das Einmalige das Besondere daran gewesen. Noch einmal ... ich war mit dabei und werde diesen schönen Tag auch so schnell nicht vergessen. @ alle Nörgler vom Dienst: Schließt euch ein und geht zum lachen in den Keller! Feste soll man feiern.
12:54
die milliarden für die banken waren notwendig.
der kram auf der autobahn wohl kaum
#81 von Black123 ,
@82 D Jungs hat Ihnen ja schon eine gute Anwort gegeben. So Leuten wie Ihnen kann die Regierung gerne erzählen was notwendig ist, Sie glauben das alles. Wenn man Ihnen sagt: kein Mindestlohn, Billiglohn, 1 Euro Job ist norwendig schlucken Sie das, am Ende stimmen Sie auch dann irgendwann wieder der notwendigen Sklavenarbeit zu....
...man man man, und Freude für das Volk ist überflüssiger Kram, wie auch Freibäder, Kitas, Jugendzentren die geschlossen werden, weil das Geld nicht mehr da ist, was ja für die Banken gebraucht wurde, und noch als Boni für die versagenden Manger z B der Landesbanken gezahlt wurde....unglaublich.
Hoffentlich wird das Volk bald wach und fordert mehr seine Rechte, Gerechtigkeit und seine Lebensfreude ein....
....gestern war ja schon mal ein Anfang..
12:36
War dies die größte Veranstaltung (Anzahl der Menschen) der Menschheit?
12:36
Ich stand auch im Stau und war darüber nicht erfreut. Aber andererseits zeigt das doch auch den Erfolg der Aktion. Ich fand das ganze klasse! Ein fröhliches Miteinander, gute Laune in allen Gesichtern... Der Pott - bunt und vielfältig - hat sich wieder einmal von seiner besten Seite gezeigt. Und an die Rechten hier im Forum sei gesagt: Liebe Ausländer, lasst mich mit diesen Deutschen nicht allein ;-) !
12:25
Das war ein wunderschönes Happening.
Habe nur lächelnde, fröhliche Gesichter gesehen.
Live-Musik, spontane Tanzdarbietungen, kreative Aktionen.... und das alles bei herrlichstem Wetter.
Ich bin froh, dass ich das nicht verpasst habe.
Deshalb herzlichen Dank an alle freiwilligen und fleißigen Helfer, die das möglich gemacht haben.
Ihr habt einen guten Job gemacht!
12:10
@ 81
Der Kram war nicht notwenidg für die Rettung des Landes, da gebe ich Ihnen Recht. Aber er war notwendig, um die Leute zu erfreuen, die es auch wollen und die in der Lage sind, Spaß an solchen Veranstaltungen zu haben. Es geht nicht immer alles nur um den Ernst des Lebens. Was wäre denn ein Leben ohne Freude und Spaß und Vergnügen? Ohne eben solche kollossalen Veranstaltungen, deren Sinn sich manchen vielleicht erst erschließt, wenn sie in die fröhlichen Gesichter der teilnehmenden Menschen blicken? 80 % der Teilnehmer (wenn man sich die Kommentare hier so anschaut) waren begeistert, hatten Spaß. Das war die Sache allemal wert. Lieber zahle ich Steuergelder für so etwas, als für Banken etc die an ihrem schlechten Stand größtenteils selbst Schuld sind. So weiß ich, habe ich wenigstens etwas für ein Lachen getan. Und nicht für einen Bankmanager, der sich mit Steuergeldern wohlmöglich noch seine Rente finanziert.
11:50
@#71 misterb:
die milliarden für die banken waren notwendig.
der kram auf der autobahn wohl kaum