Startenor Siegfried Jerusalem zu Gast in Gelsenkirchen

Siegfried Jerusalem hat großen Spaß daran, den Nachwuchs auszubilden. Jetzt gibt er einen Meisterkurs am Musiktheater.
Siegfried Jerusalem hat großen Spaß daran, den Nachwuchs auszubilden. Jetzt gibt er einen Meisterkurs am Musiktheater.
Foto: Volker Hartmann
Was wir bereits wissen
Siegfried Jerusalem gibt gestandenen Sängern am Musiktheater im Revier einen Meisterkurs. Abschlusskonzert findet am 11. April statt.

Gelsenkirchen.. Dass dieser kernige Herr mit dem federnden Schritt eines sportlichen Mittfünfzigers demnächst 75 werden soll, man kann es kaum glauben. Smart und freundlich treffen wir an. Einer der großen Wagner-Tenöre seiner Generation besucht Gelsenkirchen: Hier ging er einst zur Schule. Bis Donnerstag drücken bei ihm die Schulbank: gestandene Sänger des Musiktheaters im Revier – Feinschliff vom Meistersinger. Lars von der Gönna sprach mit ihm.

Nach einer außerordentlichen Karriere an ersten Opernhäusern der Welt, unterrichten Sie mit Begeisterung den sängerischen Nachwuchs.

Siegfried Jerusalem: Es macht mir wirklich große Freude, weiterzugeben, was ich selbst gelernt habe: Bewusst zu singen, den Körper richtig einsetzen, sein Hirn anstrengen, jeden Satz, jeden Takt in seiner Bedeutung erkennen. Wobei das Un­terrichten manchmal leider auch daraus besteht, die Fehler der Gesangslehrer vor einem auszubügeln.

Zum Beispiel?

Jerusalem: Es kommen Scharen von Sängern aus Korea. Aber es sind Nachahmer, bloße Nachahmer ihrer Lehrer. Diese Lehrer habe ich dort erlebt, die waren schlechter als ihre Schüler. Sie formten Schüler, die bloß Töne produzieren. Das ist uninteressant. Töne produzieren kann jeder. Was dahinter steht, kam zu kurz. Das sind talentierte Sänger, aber viel Zeit geht mit Reparaturarbeit drauf.

Auf was muss man junge Sänger-Kollegen vorbereiten?

Jerusalem: Einen Abend zu singen, obwohl man nicht perfekt in Form ist. Wissen Sie, manchmal liegt man am Strand, die Sonne scheint, da ist man sowas von in Form, aber an dem Tag ist leider keine Vorstellung (lacht). Sobald wir wieder im Theater sind, fangen die Probleme an. Und da technisch souverän zu bleiben, zu wissen, was man zu tun hat, das kann man lernen. Ich habe mich vor Wagner-Partien manchmal ans Klavier gesetzt und „Die Winterreise“ gesungen, aus Spaß an der Musik, das half wunderbar.

Wie sind Sie mit Fehlern umgegangen?

Jerusalem: Wenn man einen Abend richtig verpatzt, kommen falsche Freunde und sagen „falscher Dirigent“, „schlechter Regisseur“ oder sowas. Nein! Ich hab’ den Mist gemacht! Ich habe mal die „Meistersinger“ in den Sand gesetzt. Das war einfach nicht gut von mir geübt. Ich habe mir gesagt: Das passiert dir nicht noch mal. „Siegfried“ habe ich dann drei Jahre geübt wie ein Blöder. Diese Rollen brauchen Zeit, das sage ich auch den jungen Kollegen.

Sie haben die „Monster“-Partien Ihres Fachs Jahrzehnte beherrscht. Dürfen Sänger Angst kennen?

Jerusalem: Gespannt sein, einen gewissen Druck zu spüren, das ist gut und normal. Aber wenn jemand morgens ab sechs Uhr wach ist und sich dauernd panisch sagt: „Ich habe heute keine Stimme“, der ist im Grunde für den Beruf nicht geeignet, das muss man ganz kalt sagen.

Wie haben Sie sich an brütend heißen Bayreuther Sommertagen auf den „Tristan“ vorbereitet?

Jerusalem: Kann ich Ihnen sagen: Ich bin morgens in den Wald gegangen und hab’ Pilze gesucht. Oder ich bin auf den Golfplatz gegangen und hab 19 Löcher gespielt. Dann war ich wach und dann bin ich ins Opernhaus.

Was raten Sie einem Sänger, wenn er auf der Bühne plötzlich keinen Text mehr weiß?

Jerusalem: Er soll irgendwas singen. Mir ist das im zweiten Tristan-Akt in Bayreuth passiert: Faden verloren! Da hab ich einfach fantasiert. Am Ende der Szene lag Waltraud Meier als „Isolde“ in meinen Armen und sagte leise zu mir: „Oder so ähnlich...“